Theater Hell erleuchtete Glaubensfragen

Norman Hacker als John und Friedrike Ott in der Rolle einer Prostituierten. Foto: Hans Jörg Michel

Wilfried Minks inszenierte Neil LaButes „Zur Mittagsstunde” am Residenztheater

Von einer Leinwand im Residenztheater gleißt ein Licht, so intensiv hell, dass es die Augen schmerzt. Und obwohl es von der weißen Fläche selbst zu kommen scheint, ist es doch nur eine Reflektion der Scheinwerfer.

Was erlebt man schon direkt? Neil LaButes „Zur Mittagsstunde” ist ein Stück der vermittelten Erfahrungen, der Gespräche rund um eine Katastrophe: In einer Firma lief ein Mitarbeiter Amok und brachte seine Kollegen, dann sich selbst um. Einer, John Smith, blieb verschont. Dieser von Norman Hacker gespielte John setzt sich nun auf einen Stuhl vor die Leinwand, blinzelt ins Verhörlicht und behauptet, er habe Gottes rettende Stimme im Angesicht des Todes gehört. Was dieses Erleuchtungserlebnis an Glaubensfragen aufwirft, dem geht LaBute in Dialogszenen zwischen John und seinem Umfeld nach. Regisseur Wilfried Minks folgt diesem Parcours texttreu, im starken Vertrauen in das solide Stück, das im Residenztheater zur deutschsprachigen Erstaufführung kam.

Kein Geniestreich, aber sauberes Handwerk

Minks hat das von ihm entworfene Bühnenbild nah ans Publikum gerückt, zwei mobile schwarze Wänden verkleinern das zentrale Spielfeld nach Bedarf. Dabei nehmen die hinten auf die Leinwand projizierten Bildern die thematisierte Unschärfe zwischen Sein und Widerschein klug auf. Die orange belaubten Bäume einer Landschaft spiegeln sich da so perfekt in einem See, dass die Idylle womöglich mit Computerhilfe hingefälscht wurde. Genauo trügerisch erscheint John den anderen; weder seine Ex-Frau (Katrin Röver) noch deren Cousine (Andrea Wenzel), mit der er einst eine Affäre hatte, lassen sich von seiner Wende zum Gutmenschentum überzeugen. Stattdessen wird seine Geschichte finanziell und medial ausgeschlachtet: Sein Anwalt (Arnulf Schumacher) hilft ihm beim Verkauf eines Fotos, das John während des Amoklaufs schoss. In einer TV-Show nötigt die Moderatorin (Michaela Steiger) ihn zur Re-Inszenierung seiner Begegnung mit dem Täter und Gott. John wird zum Promi, Religion zu seinem Geschäft, bei dem auch er bezahlen muss. Einer Prostituierten (Friederike Ott) gibt er Geld, damit sie für ihr Seelenheil betet.

Minks hat mit seinen Darstellern auch die humoristischen Untertöne herausgearbeitet, besonders Sierk Radzei als Inspektor, der ein wenig mehr über John ans Licht bringt, lässt sie klingen. Und auch Hauptdarsteller Norman Hacker folgt man gerne bis zum predigerweißen Schluss, wobei er doch zu sehr sympathischer Jedermann ist, als dass man seinem John eine düstere Vorexistenz als fieser Vorgesetzter und Ehebetrüger glauben könnte. Sei’s drum: Am Ende viel Applaus für eine handwerklich saubere Inszenierung.

Nächste Vorstellungen am 11., 12., 13., 21, 24. und 28. Oktober, 20 Uhr, Tel. 2185 1940

 

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