Theater Ein Schiff der Träume?

Am Ende vereint Verdi-Musik und Gesang für einen Moment die Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Luxusdampfer, der in die Krise des Ersten Weltkriegs fährt. Foto: Dorothee Falke

„E la nave va” an den Kammerspielen: Intendant Simons hat die Saisoneröffnung inszeniert

 

Wann gibt es mal Szenenapplaus für ein Bühnenbild? Wenn der Jugendstil-Vorhang der Kammerspiele ein gigantisches Schiff enthüllt, das ins Parkett zu fahren scheint. Erst wenn riesenhaft der Kapitän auftritt, begreift man die Perspektive dieses meisterlichen naturalistischen Prospekts, den Bühnenbildner Bert Neumann und die Theatermaler gezaubert haben. Der verdiente Beifall war bei der Premiere von „E la nave va” deutlicher als nach über drei Stunden der für Regisseur Johan Simons, in den sich auch ein Buh mischte.

Wenn der Luxusdampfer ablegt, steigt sogar Rauch aus den Schornsteinen auf. Dann fährt das Schiff dahin, gemäß dem Titel von Federico Fellinis Film aus dem Jahr 1983, den Simons und Dramaturg Matthias Günther für die Bühne adaptiert haben. Es fährt in bedrohlicher Schräglage auf den Abgrund zu: den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und den Untergang der illustren Gesellschaft, die hier zur Totenfeier versammelt ist. Die Crème der europäischen Opernsociety soll die Asche der weltbesten Sopranistin ins Meer verstreuen (inspiriert von der Seebestattung der Callas).

Oben Champagner schlürfen, unten schuften

Das Schiff ist Sinnbild einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: Die da oben trinken im Salon Champagner, pflegen ihre dekadenten Marotten und Eifersüchteleien. Die da unten sind die proletarischen Heizer Yank (Edmund Telgenkämper) und Long (Pierre Bokma), die den Dampfer am Laufen halten. Sie hat Simons aus „Der haarige Affe” von Eugene O’Neill übernommen. Vor einem im Grafik-Stil des 19. Jahrhunderts gemalten rollierenden Prospekt mit wogender See hebt und senkt sich das Oberdeck, um den Kesselraum im Unterdeck freizugeben. Dort liegt auch ein liebeskranker Gorilla, der als Ersatz für Fellinis Nashorn O’Neills Sozialdrama mit dem Filmstoff verklammert. Diese Verklammerung ist ein Schwachpunkt, der die Botschaft überdeutlich macht und die Inszenierung in die Länge zieht.

Yanks Empörung, von einer reichen Tochter als „haariger Affe” gesehen zu werden, und die Anstachelung zum Klassenkampf durch Long wiederholen sich lang und breit. Der berlinernde Slang verträgt sich ebensowenig wie das naturalistische Kraftprotzen mit der Ebene des Oberdecks, in die beide – sehr komisch – unerlaubt reinschnüffeln. Später bricht auch die Dritte Welt ein: Serbische Schiffbrüchige entern das Nobel-Deck. Simons zeigt sie als Afrikaner, mit Strumpfmasken und Löchern für Augen und Mund sehen sie aus wie Minstrel-Sänger.

Hinreißende Typen

Stilisiert sind alle Figuren mit Halbmasken, die Fellinis Filmfiguren zitieren – ein groteskes, bewusst künstliches Pandämonium der Eitelkeiten. Die Typen sind hinreißend: der dicke Tenor (Benny Claessens), die Sopran-Rivalin der Toten (Stefan Merki), ihre verwöhnte Tochter (Brigitte Hobmeier), ein Opern-Intendant (André Jung) und seine nymphomane Frau (Pierre Bokma), ein alter Dirigent (Walter Hess), ein fetter, dummer Großherzog (Oliver Mallison), seine blinde Schwester (Katharina Hackhausen) und ein intriganter Premierminister (Nico Holonics) sowie ein Chaplin ähnelnder Filmkomiker (Kristof Van Boven). Stephan Bissmeiers Erzähler, Stefan Hunsteins Kapitän und Marc Benjamins Groucho-Marx-Offizier vervollständigen das skurrile Personal, das auf der steilen Deck-Schräge abenteuerliche Rutsch-Slapsticks abliefert. Das ist alles wunderbar leicht erzählt, nur die tänzerische Verbrüderung mit den Flüchtlingen bleibt ein peinliches Gehopse.

Noch ein atemberaubendes Bild schafft Neumann: Wenn ein Panzerkreuzer die Auslieferung der Flüchtlinge fordert, schiebt sich aus einer Stahlwand ein riesiges Kanonenrohr heraus. Um den Untergang (auch des Großherzogs) am Schluss allerdings mogelt sich Simons herum. Da muss wieder der Affe zu seinem Recht kommen. Aber das größte Ereignis dieser Aufführung ist der Chor der Mitarbeiter des Hauses: Wie zart und professionell der unter Leitung von Christoph Homberger Verdis „Requiem” singt, ist umwerfend.

Kammerspiele, 2., 7., 8., 23., 29., 30. Okt., 19 Uhr, Tel.23396600

 

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