Theater Augsburg Hinrich Horstkotte inszeniert den "Freischütz"

Max und Kaspar als Doppelgänger: Wolfgang Schwaninger und Alejandro Marco-Buhrmester im "Freischütz". Foto: Jan-Pieter Fuhr

Das Drama findet im Orchester statt: Webers "Freischütz" im Augsburger Ausweichtheater Martinipark

 

Natürlich gibt es Connaisseure, die in Kyritz an der Knatter irgendwann einmal mal einen wunderbaren „Freischütz“ gesehen haben. Oder in grauer Vorzeit die Inszenierungen von Achim Freyer oder Peter Konwitschny. Normalerweise aber ist die künstliche Naivität dieser romantischen Oper ein Himmelfahrtskommando für die Regie. Und auch Dirigenten reißen sich nicht gerade um Carl Maria von Weber. Das Augsburger Stadttheater wagt es.

André Bücker, der neue Intendant, eröffnete mit dem „Freischütz“ die neue Ausweichspielstätte für das marode Haupthaus im Martinipark am Rand des Textilviertels. Das mit Geschmack hergerichtete Industriegebäude erinnert an die Münchner Reithalle. Und auch die technischen Möglichkeiten sind ähnlich beschränkt.

In der Ouvertüre ziehen die vier exzellenten Hornisten der Augsburger Philharmoniker die Aufmerksamkeit auf sich. Das Orchester kultiviert einen kernigen und bisweilen scharfen Klang, der zu dieser Musik passt. Die Solisten, unter ihnen ein großartiger Bratschist, spielen farbig, und Generalmusikdirektor Domonkos Héja meistert die Gratwanderung zwischen der Symphonik in der Wolfsschlucht und den biedermeierlichen Singspielnummern. Das ist mehr als respektabel, das ist hörenswert.

Gespaltene Persönlichkeit

Mit dem Beginn des schnellen Teils der Ouvertüre öffnet sich der Vorhang über Hinrich Horstkottes Inszenierung. Ein älterer Herr ringt mit dem Freischütz-Stoff: Er schreibt eine Geschichte über Jäger, Liebe und Teufelskugeln nieder. Es ist Max – der intellektuelle Außenseiter unter den Bauern und Jägern. Kaspar erscheint hinter ihm im Kamin als zweites, böses Ich, dem Alkohol und anderen üblen Geistern zugeneigt. Der am Ende alle Konflikte schlichtende Eremit erweist sich am Ende als Tod. Zuletzt erschießen sich die beiden Aspekte der Max-Figur.

Horstkotte lässt die Geschichte in einer düsteren Biedermeier-Welt spielen. Er zitiert literarische Bilder der schwarzen Romantik: Max verkauft sein Spiegelbild wie in einer Geschichte von E.T.A. Hoffmann. Er ist der ältere Bruder von Schuberts „Winterreise“-Wanderer. Die Bühne wird anfangs von schwarzen Herren in hohen Zylindern, später von großen Hirschkäfern umgebaut. Agathe steigt als Schlafwandlerin aufs Dach des Forsthauses. In der Wolfsschlucht kommen allerlei Spukgestalten aus dem Bett, die sich am Ende als weitere Vervielfältigungen von Max und Kaspar erweisen (Bühne: Nicholas Bovey).

Viel Gerede

Leider bleibt das meiste nur gute Absicht. Die Bühne ist eng, und so steigen sich die Figuren gegenseitig auf die Füße. Kuno (Stephen Owen) sieht aus wie ein mit Orden geschmückter Harry Rowohlt. Weil er aber als Schwadroneur längst nicht so begabt ist, hört man ihm ungern zu, wenn er noch aus den Quellen zur „Freischütz“-Geschichte zitiert. Und die redseligen Dialoge sind schlecht gekürzt.

Den meisten Sängern fehlt die Begabung fürs Sprechen. Leider hapert es auch mit dem Gesang. Die gesündeste Stimme und das meiste Stilgefühl bringt Jihyun Cecilia Lee als Ännchen mit.

Es ist ein Kreuz mit dem „Freischütz“. Hinrich Horstkottes Inzenierung trifft zwar die Stimmung, verzettelt sich aber zu sehr in Details. Die zwischen Schamanin und Hexe changierende Figur aus dem ersten Akt verschwindet irgendwann spurlos, Einfälle wie die befohlenen Lacher nach den Scherzchen des aufgeblasenen Fürsten (Wiard Withold) kommen aus der „Freischütz“-Mottenkiste. Das Drama findet in Augsburg daher im Orchester statt.

Wieder morgen und am 8. und 13. Oktober sowie November und Dezember, www.theater-augsburg.de

 

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