The Notwist im Circus Krone Understatement im Indie-Labor

The Notwist. Foto: notwist.com

The Notwist experimentieren im Circus Krone - und die Fans lauschen andächtig wie in der Philosophievorlesung

Immer wieder wandert der Blick zu diesem knallroten Hemd, das Martin Gretschmann auf der Bühne trägt. Vielleicht braucht das Auge bei der großen Musik, die The Notwist im Circus Krone an diesem Abend auf der Bühne fabrizieren, einen entsprechend intensiven Ersatzreiz.

Ganz vorne neben Gitarrist und Sänger Markus Acher steht Gretschmanns Elektronikpult, so als sei er der zweite, stumme Frontmann. Die Bühne sieht aus wie ein Labor. Vollgepackt mit Apparaturen und Instrumenten, deren Funktion sich nicht immer sofort erschließt. Da gibt es spiralförmige Schlagzeugbecken und merkwürdige Geräte, die meist Gretschmann bedienen darf. Verwinkelt stehen die sechs Musiker zueinander zwischen diesen Klangwerkzeugen, eingerahmt von drei Seiten mit kleinen Scheinwerfern. Das pure Understatement: Der Aufbau nimmt nicht mal die ganze Bühne ein.

Die Band macht einen entspannten Eindruck, sie kennt die musikalischen Tiefen, in die sie das Publikum über zwei Stunden mitnehmen wird. Praktisch als einzige flippen die Notwists aber bei den bodenständigen Indie- und Punknummern auch mal richtig aus. Das Publikum lauscht und staunt indessen wie in der Philosophievorlesung.

So etwas wie die Songs, die die Notwists auf ihren Alben veröffentlichen, sind beim Livekonzert nur ein grobes Gerüst, eine Art Wegweiser durch die Untiefen, die jetzt in Breite ausgelotet werden. Gerade zu Beginn werden die Songs des neuen Albums „Close to the Glass“, auf dem der Schwerpunkt des Konzerts liegt, in diese Klangexperimente eingebettet. Das führt zu wahnsinnig guten, da völlig unerwarteten Momenten. Kann aber nicht immer überzeugen. Manches Experiment zieht sich dann doch in die Länge. Das musikalische Spektrum der Band ist inzwischen auch sehr breit: Von frühem Punk und Metal über Jazz-Einflüsse bis zum heutigen, ziemlich einzigartigen Elektro-Indie-Sound der Gruppe. Da gefällt nicht jedem alles.

Ein Großteil der Fans wurde sicher vor zwölf Jahren mit dem Bandklassiker „Neon Golden“ rekrutiert. Zum gelungensten an diesem sehr guten Konzertabend gehören auch die Songs dieses Albums. Die Indie- und Punkrocknummern wirken dagegen oft austauschbar, lockern aber die Setlist auf.

In den besten Momenten scheint die Band, deren Label nicht umsonst Alien Transistor heißt, mit ganz anderen Sphären zu kommunizieren. Das Gepiepe und Geknarze wird ein rätselhafter Morsecode, den niemand entziffern kann, den aber alle verstehen.

 

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