Teuerster Film aller Zeiten Jim Knopf: Ordentlich Dampf im Kessel

Tonstudio und Heimkino zugleich. Dreht Alexander Saal die Kino-Boxen auf, vibriert der Boden. Seine Nachbarn halten ihn für einen Musiker. Foto: Christine Vinçon

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten. An diesem Donnerstag kommt er in die Kinos. Vertont hat ihn ein Münchner, der mittlerweile in Bruckberg lebt.

 

Jim Knopfs Augen sind aufgerissen. Das Gesicht von Lukas dem Lokomotivführer ist mit Ruß, Schweiß und Dreck verschmiert. Die Helden rauschen an Bord ihrer Lokomotive Emma im Zick-Zack-Kurs durch das Tal der Dämmerung, weichen Felsbrocken aus, die mit lautem Getöse in die Schlucht krachen.

Geröll prasselt und poltert auf Emmas Stahldach, die Räder der Lokomotive mahlen sich durch unwegsamen Boden, kratzen an Gestein. Das Schnaufen der Dampflok wird tiefer und schwerer, die Fahrt immer rasanter – es rumpelt, scheppert und knarzt im Führerhaus. Emmas Kessel scheint jede Sekunde zu explodieren. Einen Herzschlag später entlädt sich der Dampf mit einem schrillen Pfeifen. Nur noch wenige Meter bis zum rettenden Ende. Stopp! Alexander Saal hält die Filmsequenz an. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer startet erst heute in den Kinos. Es ist mit fast 25 Millionen Euro die teuerste deutsche Produktion bis jetzt. Doch wird der Abenteuerfilm die Erwartungen vieler Kino-, Augsburger Puppenkiste- und Michael Ende-Fans erfüllen?

Henning Baum als Lokomotivführer Lukas (r.) und Solomon Gordon als Jim Knopf in "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer".

Henning Baum als Lokomotivführer Lukas (r.) und Solomon Gordon als Jim Knopf in „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“.

Foto: dpa

Das Besondere: Der Sound des Films – also die Vertonung – stammt aus Landshut. Genauer gesagt aus einem Keller in Bruckberg. Dort hat Michael Saal sein Tonstudio eingerichtet, das gleichzeitig sein Heimkino ist. Die Fahrt der drei Film-Helden Jim, Lukas und Emma durch das Tal der Dämmerung gehört zu seinen Lieblingssequenzen – und ist ein Paradebeispiel dafür, wie viel Arbeit in der Post-Produktion von Filmen stecken kann. Als Tongestalter erweckt Saal Filme zum Leben. Hunderte von verschiedenen Tonspuren laufen bei Szenen wie die im Tal der Dämmerung gleichzeitig ab – und ergeben das Gesamtbild. In seiner Bibliothek hat Saal 100.000 verschiedene Töne und Geräusche gesammelt. Sie zu arrangieren und wenn nötig, neu zu erfinden, ist die Kunst, die hinter Saals Arbeit steckt.

Wenn Jim, Lukas und Emma ihre Abenteuer erleben, sollen die Kinobesucher nicht nur von den visuellen Effekten und Bildern beeindruckt sein. Die stimmige und überzeichnete Geräuschkulisse soll sie an die Kinosessel fesseln. Daran hat der 50-Jährige in den vergangenen sechs Monaten gearbeitet. Gelernt hatte er mal Koch. Das Kino hat Saal aber schon als Kind geliebt. Mit Legosteinen baute er im Alter von fünf Jahren einen eigenen Kinosaal. Ausgeschnittene Bilder aus Zeitungen dienen als Leinwand.

Damals hatte das Kino für ihn noch einen speziellen Zauber. Deshalb wechselte Saal von der Sterneküche zu den Bavaria Filmstudios. Das war 1989. Zunächst arbeitete er als Praktikant im Schnitt. 1993 vertonte er seinen ersten Film – "Der Kinoerzähler" von Bernhard Sinkel mit Armin Mueller-Stahl. "Danach war es um mich geschehen", sagt Saal.

Wer zu Saals Tonstudio hinab will, muss erst mal an einer Wand voll mit Kinoplakaten vorbei. Dort hängen Filme, an denen er gearbeitet hat, wie "Die Welle" mit Jürgen Vogel und "Pornorama" – mit dem Konterfei der lasziven Valentina Lodovini. Von einem anderen Plakat schaut ein besorgt-dodelig dreinblickender Oliver Kalkofe in die Runde. Das Plakat verkündet: Es gibt "Neues vom Wixxer".

Etwas für Cineasten: Samtvorhänge für ein kleines Vermögen

Im Tonstudio sind zwischen Mischpult und Kino-Leinwand sechs Kinosessel in den Boden geschraubt. Die hat er einem Landshuter Kino abgeluchst, das schließen musste. Seine Leinwand hat der Münchner – standesgemäß für Cineasten – mit roten Samtvorhängen gerahmt. Das hat ihn damals ein kleines Vermögen gekostet. Saal ist Romantiker. Sein Kino hat der Münchner im klassischen Rot und in Schwarz mit orange-farbenen Elementen gestaltet. Auf dem Boden liegt ein gepunkteter Teppich aus. Die Popcorn-Maschine steht griffbereit. Die benutzt er aber kaum. Es ist zu aufwendig, sie sauber zu machen. Das Tonstudio riecht wie ein altes Raucherkino. Auf dem Mischpult liegt eine Schachtel American Spirit. "Das sind meine Öko-Zigaretten", sagt Saal. Läuft ein Film auf seiner Leinwand, kommt der Sound aus einer sündhaft teuren Dolby-Atmos-Anlage. Den richtigen Ton zu finden, damit verdient Saal nun mal sein Geld. Da darf man an der Ausrüstung nicht sparen. Seine Nachbarn halten ihn für einen Musiker.

Dass die Vertonung des teuersten deutschen Films bis jetzt in Bruckberg möglich ist, zwischen kleinen Vorgärten, in denen die Nachbarn penibel ihr Brennholz stapeln, liegt am Breitbandausbau. Früher musste er mit dem Auto tonnenweise Tonbänder durch die Gegend fahren. Von München nach Berlin. Heute passt eine viermal so große Datenmenge schon auf einen kleinen USB-Stick.

Gelegentlich sitzt Saal in seinen gemütlichen Kinosesseln und macht mit Freunden Heimkinoabende. Dann schaut er Ridley Scotts "Bladerunner" oder Christopher-Nolan- und Denis-Villeneuve-Filme. Die düstere Melancholie von "Bladerunner", ein Stück zwischen Film noir und Science Fiction mit zart-bedrückendem Soundtrack von Vangelis, hat den 50-jährigen Tongestalter besonders geprägt. Saal fasziniert aber auch das Neue, wie den Sound, den die Transformers-Macher ihren Maschinen verpasst haben. Der Ton in neuen Filmen sei aber bei weitem nicht immer visionär: So bellt bei großen amerikanischen Blockbustern im Hintergrund immer wieder der gleiche Wau-Wau, wenn eine Film-Szene in einem nächtlichen Wohnviertel oder auf dem Land stattfindet. "Und das seit 20 Jahren. Der Hund lebt ja schon gar nicht mehr." Filme schaut Saal in seinem Heimkino natürlich wegen seiner Arbeit. Ins Kino geht er viel seltener als früher. "Kinopaläste haben nicht mehr so den Wow-Effekt", sagt der Ton-Experte. In Österreich gebe es mittlerweile Dolby-Cinemas, mit neuem, tollen Sound. Laut seien sie, wie es sich für ein Kino gehört. In Deutschland gebe es kein Einziges dieser Sorte. Der Ton sei etwa 200 Prozent leiser, als er sein müsste. In seinem Heimkino kann er voll aufdrehen. Das Tonstudio hat der 50-Jährige die vergangenen sechs Monate kaum verlassen. Er trägt eine Mütze und wirkt ein wenig müde. Bis zu 18 Stunden täglich suchte er für Lukas, Jim und natürlich für Emma nach den passenden Geräuschen, mischte und verfeinerte sie, bis alles stimmte. Die letzten zwei Monate hat er während der Endabmischung in München verbracht. Morgens um 9 Uhr ging es los. Zuhause war er dann nachts um halb drei. Ein bisschen verrückt müsse man in seinem Beruf schon sein, findet Saal.

Für Jim Knopf und Lukas hat Saal jedes verfügbare Dampflokgeräusch der Welt eingekauft. Die Lokomotive Emma spielt praktisch die dritte Hauptrolle neben Henning Baum (Lukas) und Solomon Gordon (Jim). "Ein Problem war das Schienenklackern", sagt Saal. Emma fährt im Film nur am Anfang auf Schienen. Später geht es für die Dampflok durch unwegsames Terrain. Doch auf jeder verfügbaren Tonspur war neben dem Dampf-Geräusch auch das metallische der Schienen zu hören. "Das war ein langer Weg. Wir haben den Dampf-Sound dann aus verschiedenen Elementen neu zusammengebaut." "Bauchig" nennt Saal eine Tonmischung, wenn sie perfekt ist. 80 Prozent eines Films wird nach Abschluss des Drehs neu vertont. Überdreht und voluminös muss alles klingen. Deshalb hören sich Autos in Filme nicht wie im wirklichen Leben an. Aber dennoch wie Autos.

Allein die Lokomotive Emma besteht in Saals Klangwelt teilweise aus etwa 20 verschiedenen Elementen, die der Kinobesucher später als Gesamtbild wahrnimmt. Emma klingt metallisch, dampfig, scheppernd, pfeifend, atmend: Das Atmen impfte der Lokomotive "echtes" Leben ein. Eingehaucht hat es ihr eine Schauspielerin.

24 Stunden am Tag hat sich alles nur um Jim Knopf gedreht

Steckt Saal tief drin in einem Projekt, fällt es ihm mit der Zeit immer schwerer, abzuschalten. "Ich muss mich bei jedem Film neu erfinden", sagt er. Das Hirn des 50-Jährigen rattert ununterbrochen, schon beim ersten Kaffee des Tages, in den Pausen, nachts. Saal hat dann ordentlich Dampf im Kessel. "Meine Frau sagt immer, ich bin nie richtig anwesend." 24 Stunden ist Saal dann in einer anderen Welt. Zwei Wochen habe er nach Abschluss des Films gebraucht, um wieder zurückzukommen.

Saal macht jetzt Pause, Sabbat vom Film. Wie lange? Mindestens noch einen Monat. Man muss sich schützen und darf nicht in ein Loch fallen. Deshalb mache er jetzt erst einmal gar nichts. "Nur noch Privates." Während er das erzählt, sitzt er am Mischpult. Das einzige Licht, das ins Tonstudio fällt, scheint durch die Terrassentür. Sie führt in den Garten. Die Saals mögen Schilf. Vor dort aus kann man den Blick schweifen lassen, über Äcker, in die Ferne. Ganz hinten fährt ein Zug.

 

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