Tennis Post aus Wimbledon: Magische Zäsuren

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Das Herrenfinale 2010 heißt Rafael Nadal gegen Tomas Berdych - und das könnte wieder eine dieser magischen Zäsuren in der Historie Wimbledons sein. Geschichte wiederholt sich ja manchmal, speziell hier im Südwesten Londons.

 

Björn Borg triumphierte von 1976 bis 1980 fünfmal nacheinander, verlor 1981 das Finale gegen John Mc Enroe und kehrte nie wieder als Spieler nach Wimbledon zurück. Mc Enroe übernahm seinen Platz und drückte den nächsten Jahren nun seinen Stempel auf. 1985 übernahm Boris Becker den Stab und ernannte den Centre Court zu seinem „Wohnzimmer“. Er war allerdings ein sehr großzügiger Gastgeber, denn bei seinen sieben Finalteilnahmen hat er den Sieg viermal dem Gegner überlassen - zweimal Stefan Edberg (1988 und 1990), einmal Michael Stich (1991) und zuletzt 1995 Pete Sampras. Da hatte der Amerikaner schon längst Beckers Rolle als König von Wimbledon übernommen, und im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist die Endspiel-Weste von Sampras blütenweiß: Siebenmal im Finale und siebenmal gewonnen (1993 -1995 und 1997 - 2000). Auch anno 2001 schien der Weg zum achten Triumph bestens bereitet - bis „Pistol-Pete“ an einem lauen Sommerabend im Viertelfinale gegen einen jungen aufstrebenden Spieler aus der Schweiz verlor. Nach dieser Niederlage ist Sampras - wie Björn Borg - nie wieder in kurzen Hosen hierher zurückgekehrt. Seitdem hat Roger Federer dieses Turnier dominiert (sieben Mal nacheinander das Finale erreicht und sechsmal gewonnen) - bis zu jenem lauen 30.Juni vor drei Tagen, als er im Viertelfinale von einem jungen aufstrebenden Tschechen entzaubert wurde. Ist Tomas Berdych nun der nächste große Wach-Ablöser auf dem Tennis-Thron an der Church Road?

Nach der enttäuschenden 3-Satz-Pleite von Andy Murray gegen Nadal müssen sich die Gastgeber hier weiterhin fragen, wann sie denn wohl mal wieder dran sind. 74 Jahre sind sie nun schon abstinent und tragen dieses Schicksal mit wahrhaft heroischer Gelassenheit. Wir Deutsche sind da - nach erst 19 titellosen Jahren - sehr viel ungeduldiger. Vielleicht weil wir in den Disziplinen Demut und Dankbarkeit nicht ganz so souverän sind? Es ist ja doch alles eine Frage des Maßstabs - und dazu erzähle Ihnen was:

Ich bin gebürtiger Lübecker und begann meine sportliche Karriere als Fan der beiden dortigen Fußball-Vereine LBV Phönix und VfB, seinerzeit hoffnungsvolle Mannschaften in der Oberliga Nord. Und um diese Helden hochleben zu lassen, war mein erster Berufswunsch: Sportreporter. Ein wirklich sehr früher Berufswunsch, denn schon drei Monate später, nach einem Besuch im „Buddenbrookhaus“, sattelte ich um und wollte Nobelpreisträger werden. Das hat aber irgendwie noch nicht geklappt. Naja, wir zogen um nach Hamburg und ich hielt mich weiter gern in der frischen Luft auf, nun aber nicht mehr auf Bolzplätzen, sondern im Tennisclub. Jetzt wollte ich also von Beruf Wimbledon-Sieger werden. Daraus wird wohl auch nichts mehr, aber Wimbledon gehörte immer zu meinen „inneren Jahreszeiten“, und als ich es 1991 zum ersten Mal "live erlebte" erlebte, hatte ich das wunderbare Gefühl, endlich "angekommen" zu sein. Es war das Jahr, als das Herrenfinale Becker gegen Stich hieß, Steffi Graf bei den Damen siegte und bei den Juniorinnen Barbara Rittner. Was für eine Aufwartung zu meiner Begrüßung! Seitdem bin ich unheilbar "wimblophil" und pilgere Jahr für Jahr hierher. Und seit sieben Jahren läßt mich die Münchner „Abendzeitung“ nun sogar meine eigene Kolumne schreiben. So genieße ich also Jahr für Jahr das „runde Gefühl“, wenn sich im Leben ein glücklicher Kreis schließt. Und zum Abschluß meiner „Post aus Wimbledon 2010“ möchte ich noch einen Kreis schließen, indem ich zur Urwurzel meines ersten Berufswunsches zurückkehre, um zwar nicht über den LBV Phönix oder den VfB zu berichten, sondern über den Lübecker Tobias Kamke, der in diesem Jahr in Wimbledon die 3.Runde erreicht hat.

Tobias who?... Kamke. 1,80 m groß., 73 Kilo, geboren am 21.Mai 1986. - Was denn, schon 24 Jahre alt? - Ja! Ich schreibe jetzt nicht über weltbekannte Wunderkinder, die ihre ersten Grand-Slam-Turniere mit 17 oder 18 gewinnen wie Boris Becker und Rafael Nadal. Aber die können ja nicht die einzig gültige Meßlatte sein, ebenso wenig wie kaum ein Kind, das Geige spielen lernt, je das Niveau von Anne-Sophie Mutter erreichen wird, oder? - Tobias Kamke hat keineswegs das Gefühl, zu spät dran zu sein. Und darin hat ihn kein Geringerer bestärkt als Wimbledon-Sieger Michael Stich, der schließlich auch kein Wunderkind war, aber einer der allerbesten Spieler der Welt. Mit 17 hat Tobias ihn kennengelernt, nachdem er von Lübeck nach Hamburg gezogen ist und sich beim Uhlenhorster HC einschreiben ließ. Stich wohnte in der Nähe, suchte einen Trainingspartner - und seitdem sind die beiden befreundet. Und wie sah ihr Verhältnis in der Praxis aus, also auf dem Tennisplatz? - Im erst en Moment hat man den Eindruck, als sei Tobias die Antwort peinlich, doch dann gesteht er: „Ehrlich gesagt, ich hab schon im ersten Match gegen ihn gewonnen...“ - „Lass dir Zeit“, war einer der wertvollen Stich‘schen Ratschläge. „Mach erst mal dein Abitur und dann schau dir den ganzen Zirkus genau an. Ich hab‘s genau so gemacht.“ Kamke gönnte sich also eine Lehrzeit von drei Jahren, spielte in erster Linie Challenger-Turniere und ahnte, wie sein Leben als Tennis-Profi aussehen würde. 2008 gelang es ihm zum erstenmal, sich für ein Grand-Slam-Turnier zu qualifizieren: Wimbledon! Er verlor in der ersten Runde gegen Andreas Seppi aus Italien, aber peu-a-peu kletterte er in der Weltrangliste von Position 700 auf 126. Jetzt ist er hier wieder auf Seppi gestoßen - diesmal in der zweiten Runde und diesmal hat er ihn geschlagen. An Joe-Wilfrid Tsonga, dem an Nummer 10 gesetzten Franzosen, kam er nicht mehr vorbei. Aber jetzt gehört Tobias Kamke zu den Top 100.

Der Vergleich mit der großen Zeit des deutschen Tennis walzt natürlich jeden Erfolg platt. Für einen kurzen Moment flackert das Interesse auf, wenn einer aus der „verlorenen Generation“ für Aufsehen sorgt. Aber es erlischt sofort wieder, weil die letzten deutschen Grand-Slam-Sieger immer noch Becker, Graf und Stich heißen. Die mußten vom Tennis nicht überzeugt werden, sie waren dafür geboren. Aber es war und ist nicht alles schlecht, was nach nach ihnen gekommen ist. Nur: Wer wer den Goldrausch erlebt hat, wartet eben auf den nächsten.

Und Tobias, der „Ziehsohn“ von Michael Stich? Er ist stolz, daß er es beim bedeutendsten Tennisturnier der Welt unter die besten 32 Spieler geschafft hat. Und nun heißt es: Weitermachen - Akzent auf „machen“. Wer vom Glück immer nur träumt, darf sich nicht wundern, wenn er es verschläft. Aber dafür ist mein hanseatischer Landsmann viel zu ausgeschlafen.

Gunther Beth

 

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