Tennis Post aus Wimbledon: From Zero to Hero

Daniel Berta nach seinem Sieg bei den French Open der Junioren Foto: imago

LONDON - Bewunderung und Hingabe, Triumphe und Tränen, Verzweiflung und Euphorie. All das ist ab Montag zwei Wochen lang wieder live hier zu erleben - bei der "Mutter aller Tennisturniere“. AZ-Kolumnist Gunther Beth über den Traum von Wimbledon.

Sein Name ist Mann. Heinrich Mann. Er ist keine junge deutsche Tennishoffnung, sondern der ältere Bruder von Thomas Mann. Vor genau 100 Jahren hat er den hinreißenden Roman „Die kleine Stadt“ verfasst, in dem er beschreibt, was passiert, wenn eine Horde von Schauspielern in ein italienisches Provinznest einfällt - das Gleiche, als wenn eine Horde Tennisspieler den verschlafenen Londoner Vorort Wimbledon auf den Kopf stellt: Bewunderung und Hingabe, Triumphe und Tränen, Verzweiflung und Euphorie. All das ist ab Montag zwei Wochen lang wieder live hier zu erleben - bis die „Mutter aller Turniere“am 6.Juli erneut in ihren elfmonatigen Dornröschenschlaf fällt.

Sein Name ist Berta. Daniel Berta. Er ist Schwede, gerade 16 und für mich eines der ganz großen Talente, das in die Fußstapfen seiner Landsleute Björn Borg und Stefan Edberg treten könnte. Letztes Jahr ist er mir auf dem Außenplatz 18 aufgefallen - so, dass ich mir seinen Namen in meinem Tagebuch notiert habe. Einer von diesen Jungs, die sich abseits der Show-Courts durch den „Boy‘s Single“-Wettbewerb kämpfen, aber auch Edberg und Federer haben in Wimbledon die Junioren-Konkurrenz gewonnen, bevor sie zu den Lichtgestalten der Branche aufgestiegen sind.

Der weite Weg von der "Quali" nach Monte

Vor zwei Wochen hat Daniel Berta den Junioren-Titel bei den French Open in Paris gewonnen und wird sich demnächst bei den Grand Slam-Turnieren zusammen mit 255 Konkurrenten durch die Qualifikation kämpfen, um schließlich im Hauptfeld antreten zu können. Von der „Quali“ bis zum Hauptwohnsitz Monte Carlo ist es ein verdammt weiter Weg, und nur die Harten kommen in‘n Garten. Wenn man sich hier an der Church Road in der ersten Woche auf den Nebenplätzen so umsieht, wird einem klar, was in den weißen Klamotten für ein gnadenloses Gewerbe steckt - vergleichbar vielleicht am ehesten mit der Schauspielerei: Kleine Bühnen, große Dramen. Diese Außen-Courts sind Spielplätze für leidenschaftlich verrückte Sternenfänger, die sich jeden Tag sagen müssen: Du hast keine Chance, aber du musst sie nutzen!...

Jungs und Mädels aus aller Herren Länder kommen hierher oft mit nichts mehr als einem Traum. Aber: Ohne Traum keine Sehnsucht - und ohne Sehnsucht keine Erfüllung. Nur so entstehen die Karrieren, die die Welt bewegen. Daniel Berta, mein junger Schwede von Platz 18, träumt davon, ganz bald eines jener Mirakel zu vollbringen, nach denen wir Wimblophile so süchtig sind: From Zero to Hero! Ich halte es für möglich und drück‘ ihm die Daumen.

Übrigens: Auch ein Deutscher will dieses Jahr Wimbledon-Sieger werden! Nein, nein - nicht Tommy Haas, der nach seiner hauchdünnen Niederlage gegen Roger Federer bei den French Open und nach seinem Sieg beim Rasenturnier in Halle von übermütigen deutschen Medien schon als „Geheimfavorit“ gehandelt wird - no no! Ich rede von Dominik Schulz. Dominik who? - Ja, Schulz! 14 Jahre jünger als Haas (31), und während Tommy in Paris an Federer im Achtelfinale scheiterte, hat Dominik es immerhin ins Halbfinale geschafft - bei den Junioren (siehe Daniel Berta...) Mit 5 hat er in München beim TC Großhesselohe angefangen, Tennis zu spielen - mit Papa Karsten Schulz als Trainer. Heute besucht er die 10. Klasse des Kurpfalz-Gymnasiums in Mannheim als Fernschule, wo er einmal im Monat persönlich aufkreuzen muss. Der Rest ist Hoffnung!...

PS: Als ich so alt war wie er, habe ich meine Tennis-Karriere in Hamburg beendet - aus zwei Gründen: Erstens hätten meine Lehrer im Alstertal-Gymnasium was dagegen gehabt, wenn ich mich nur einmal im Monat persönlich gemeldet hätte. Und zweitens gab es damals noch nicht so viele Eltern, die sich später den Vorwurf machen wollten: Ach, hätte unser Sohn doch bloß was Anständiges gelernt und wär‘ Tennisspieler geworden..

Gunther Beth, Schauspieler & Komödien-Autor (u.a. „Der Neurosen-Kavalier“, „Trau keinem über 60!“), lebt in München. Seit 2004 ist er Wimbledon-Kolumnist der AZ.

 

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