Teil 1 der AZ-Serie Gerd Müller - "Wir helfen ihm, wo es nur geht"

„Es ist furchtbar!“, sagt Bayerns Ex-Präsident Uli Hoeneß (l.) über den an Alzheimer erkrankten Gerd Müller. Foto: dpa

Der Bomber der Nation leidet an Alzheimer. Die AZ druckt Auszüge aus der Müller-Biografie, die am 12. Oktober erscheint. Der erste Teil befasst sich mit der Bayern-Familie: „Und dann hat Gerd geweint."

 

München - Alzheimer, diese grauenhafte Krankheit, die erst die Erinnerungen, dann die Sprache, die Gedanken und am Ende das ganze Selbst raubt, hat Gerd Müller (69) ereilt.

Am 12. Oktober erscheint im Riva-Verlag die Müller-Biografie „Der Bomber der Nation“ von AZ-Autor Patrick Strasser sowie Udo Muras.

Hier Auszüge aus dem Buch

Die Krankheit nahm Müller (seit Herbst 2014, d. Red.) mehr und mehr in Besitz, griff seinen Geist an und beeinträchtigte seine Motorik. Nach eingehenden Untersuchungen im Rahmen eines General-Checks im Klinikum rechts der Isar stellten die Ärzte im Dezember 2014 fest, dass Müller aufgrund der fortgeschrittenen Erkrankung nicht wieder nach Hause zurückkehren könne. Selbst Alltagsroutinen wie die körperliche Hygiene oder kleine Besorgungen stellen ihn vor zu große Schwierigkeiten. In seiner Wahrnehmung verlieren Zeit und Ort Kontur und Sinn.

An schlechten Tagen erkennt Müller niemanden mehr außer seiner Frau Uschi. So weit ist seine Krankheit wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag am 3. November 2015 fortgeschritten. „Es ist furchtbar. In den letzten Jahren kam er noch relativ regelmäßig an die Säbener Straße, ließ sich von den Physiotherapeuten behandeln, fuhr zu den Spielen der zweiten Mannschaft mit, dann aber kam die Demenz“, sagt Bayerns ehemaliger Spieler, Manager und Präsident Uli Hoeneß. Frühere Mitspieler und Kollegen besuchen das Ehepaar Müller regelmäßig. Man geht spazieren und unterhält sich – so gut das eben geht.

„Uschi kümmert sich aufopferungsvoll um Gerd, steht ihm immer zur Seite – Tag und Nacht. Unvorstellbar, was sie geleistet hat. Vor ihr ziehe ich den Hut. Es ist wirklich nicht leicht, was sie durchmacht“, sagte Hoeneß im Sommer 2015: „Wir helfen Gerd, wo es nur geht.“ (…)

Dass Gerd Müller über die Jahre abgebaut hatte, blieb beim FC Bayern natürlich nicht verborgen. Die rapide Verschlechterung seines Zustands war für viele dennoch ein Schock. „Vor ein paar Jahren habe ich ihn als Co-Trainer der zweiten Mannschaft erlebt, wie er noch voller Tatendrang war. Wir haben uns immer gefreut, wenn wir uns gesehen haben“, sagt Ehrenpräsident Franz Beckenbauer. Auch Jupp Heynckes, der zusammen mit Hoeneß und Beckenbauer dank der Müller-Tore 1972 Europa- und 1974 Weltmeister wurde, empfindet tiefes Mitgefühl mit dem einstigen Sturmpartner. „Es ist tragisch, wenn man sieht, dass sich solch ein wunderbarer Mensch nicht mehr selbstständig versorgen kann. Diese Krankheit ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann.“ (…)

Nachdem Müller zu Beginn der 90er Jahre seine Alkoholkrankheit überwunden hatte, zogen sich die ohnehin zurückhaltenden Müllers ganz aus der Münchner Gesellschaft zurück und bewegten sich nur noch in ihrem vertrauten Freundeskreis. (…) Von der zweiten Saisonhälfte 2012/13 an fiel es Müller aufgrund der vorangeschrittenen Krankheit immer schwerer, seinen Aufgaben als Assistenztrainer der 2. Mannschaft nachzukommen. Dennoch kam er weiter an die Säbener Straße, um sich auf dem Ergometer ein wenig sportlich zu betätigen, in die Sauna zu gehen und sich bei der Massage zu entspannen. Die Spieler behandelten ihn weiterhin respektvoll, Müller blieb einfach Teil der Bayern-Familie. Bei den Heimspielen saß er auf der Trainerbank, an den Besprechungen in der Kabine nahm er jedoch nicht mehr teil. Gerd Müller hatte man inzwischen einen eigenen Fahrer zur Seite gestellt, er reiste nicht mehr mit dem Mannschaftsbus. Wenn er aus seinem vertrauten Umfeld gerissen wurde, begannen allerdings die Schwierigkeiten.

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„Noch vor einigen Jahren konnte Gerd detailliert aus Spielersitzungen von der WM ‘74 erzählen oder zum Beispiel vom damaligen Bankett, wer was gesagt hat, wer an welchem Tisch saß“, erinnert sich Mehmet Scholl. „Deshalb ist das alles ja so tragisch“, fügt er hinzu. Auch ihn, der darauf bestanden hatte, dass Müller sein Assistenztrainer beim FC Bayern II wurde, nimmt die Alzheimer-Erkrankung von Müller sehr mit. (…) Ganz besonderen Halt geben Müller gewachsene persönliche Kontakte.

„Als ich Gerd letztens wieder einmal besucht habe, hat er mich erkannt, das habe ich gespürt“, erzählt Hermann Gerland, der mit Müller viele Jahre die Amateure betreute. „Ich habe ihm dabei Grüße von seinen Ex-Spielern ausgerichtet, speziell von Thomas Müller, Alaba und Schweinsteiger. Da kamen Gerd die Tränen. Er hat geweint.“

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