136 PS und 173 km Reichweite: Fahrbericht über den neuen VW e-Crafter, den ersten großen Elektro-Transporter von Volkswagen Nutzfahrzeuge. Dazu: Alle technischen Daten und Preise.

Ganz klar: Der Diesel wird dank seiner großen Reichweite und hohen Nutzlast im Transportwesen auch in Zukunft die Antriebsart Nummer eins bleiben – vor allem für die langen Strecken vom Produktions- oder Importort zu den Zwischenlagern. Hier übernehmen dann kleinere Lkw oder Kastenwagen die innerstädtische Belieferung zum Kunden. Und auch diese Fahrzeuge nutzen aktuell einen Dieselmotor, weil er hilft, die Betriebskosten niedrig zu halten.

Elektromobilität schien bisher für Handwerker oder Lieferdienste aufgrund der geringen Reichweiten, langen Ladezeiten und viel zu hohen Kosten keine Alternative zu sein. Doch jetzt droht Gefahr: Sollten in den ersten Städten großflächige Fahrverbote für Dieselfahrzeuge tatsächlich Realität werden, kommen die Firmen nicht mehr zu ihren Kunden.

Und könnte dann nicht – nach einer Analyse der Nutzungszwecke der Fahrzeuge – doch der lokal emissionsfreie und geräuschlose Elektroantrieb Sinn machen? Nicht unbedingt als einziges Fahrzeug im Fuhrpark, aber zumindest als Ergänzung?

Realistische Reichweite: 120 Kilometer

Genau für diese Zielgruppe hat VW den neuen e-Crafter konzipiert: Mit einer Reichweite von bis zu 173 Kilometern gemäß NEFZ (realistisch sind wohl 120 Kilometer) und einer bewusst auf 90 km/h begrenzten Höchstgeschwindigkeit deckt der e-Crafter die realen Anforderungen des täglichen Einsatzes als City-Transporter problemlos ab.

Er basiert auf der zweiten Crafter-Generation, die 2017 neu auf den Markt kam. Hier war eine künftige Elektrifizierung schon angedacht. Deshalb konnte VW die Architektur des großen Lieferwagens schon für die Integration der elektrischen Antriebskomponenten ausrichten. So wird die Lithium-Ionen-Batterie platzsparend im Unterboden des e-Crafter untergebracht.

Der Vorteil: Das Ladevolumen des 2,59 m hohen Hochdach-Kastenwagens kann mit 10,7 m3 voll genutzt werden. Gleiches gilt für weitere wichtige Maße wie die Durchladebreite (1,38 m) oder die Laderaumhöhe (1,86 m). Wichtig für die Logistiker: Im Kastenaufbau ist Platz für vier Europaletten. Die maximale Zuladung beträgt je nach Ausführung zwischen 0,975 und 1,72 Tonnen.

Schnellladung in 45 Minuten

An einer CCS-Ladestation mit 40 kW (Gleichstrom) wird die Batterie (Energiegehalt 35,8 kWh) nach nur 45 Minuten wieder zu 80 Prozent geladen. Mit einer AC-Wallbox mit 7,2 kW (Wechselstrom) ist der Akku binnen 5,20 Stunden wieder zu 100 Prozent mit Energie versorgt. Das wird vermutlich der Normalfall sein, wenn die Autos über Nacht auf dem Betriebshof des Unternehmens geladen werden.

Die Ladung an einer Schuko-Steckdose würde den Betriebsablauf dagegen empfindlich stören: Hier wäre der Transporter erst nach 17 Stunden wieder voll einsatzbereit.

Der Elektromotor ist vorne im e-Crafter integriert und leistet 136 PS mit einem maximalen Drehmoment von 290 Newtonmetern. Der Motor wird im Konzern schon im VW e-Golf eingesetzt, jetzt aber mit einem einstufigen Automatik-Getriebe gepaart, das speziell für Nutzfahrzeuge ausgelegt ist.

Produziert wird das Chassis des neuen Modells – wie alle Crafter – im Werk Września in Polen. Die Endmontage der e-Komponenten erfolgt dann im Stammwerk von Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover.

Typisches VW-Cockpit

Weil Elektromotoren ihr maximales Drehmoment praktisch aus dem Stand entwickeln, ist der e-Crafter souverän unterwegs. Zügiger Ampelstart und flinkes Mitschwimmen im Stadtverkehr – kein Problem. Die Lenkung fühlt sich leichtgängig-direkt an, und die Federung ist für das Fahrzeuggewicht erstaunlich feinfühlig.

Nichts auszusetzen gibt es auch an der Innenausstattung des Dreisitzers: Der kantige Look mit den genarbten Plastikverkleidungen passt gut zum robusten Charakter des e-Crafters, und die praktische Bedienung unterscheidet sich kaum von der des VW Golf.

Obwohl der e-crafter, der übrigens baugleich als MAN eTGE angeboten wird, schon leer fast 2,5 Tonnen wiegt, ist er relativ sparsam unterwegs: Der Stromverbrauch wird laut VW mit 0,975 Tonnen Zuladung kombiniert bei 21,54 kW/100 km liegen.

Die überaus üppige Serienausstattung des e-crafter verblüfft, denn bei Nutzfahrzeugen dieser Klasse übernimmt üblicherweise der Rotstift das Ausfüllen des Bestellformulars. Der e-Crafter kommt mit fast allen modernen Assistenzsystemen auf den Markt, die VW auch für die Pkw anbietet.

Im Komfortbereich wird der Fahrer ebenfalls verwöhnt. LED-Scheinwerfer, Klimaautomatik, Sitzheizung, Wärmepumpe, beheizte Frontscheibe, Komfortsitze und das Navigationssystem "Discover Media" mit Sprachbedienung und Mobiltelefon-Schnittstelle – alles serienmäßig.

Womit wir auch schon beim Haken wären: Netto wird der neue e-Crafter zu Preisen ab 69.500 Euro an den Start gehen! Klar: Das Preis-Leistungs-Verhältnis mag bei dieser Ausstattung gar nicht so schlecht sein. Doch beim Fuhrpark einer Firma wird eben in der Regel zuerst gespart.

Modelle von Renault und Mercedes

Und was macht die Konkurrenz? Kleinere E-Transporter wie VW E-load-Up, Renault Kangoo, Nissan E-NV200 oder der Streetscooter der Post fahren schon einige. Doch in der e-Crafter-Klasse gibt es aktuell nur den Iveco Daily zu kaufen, der schon 2009 auf den Markt kam und mit unterschiedlichen Batterie-Modulen bestellbar ist. So kann er mit kleiner Batterie zwar 1.300 Kilo laden, fährt dann aber nur 80 Kilometer weit, bietet also kaum Reserven. Mit großer Batterie sollen über 200 Kilometer möglich sein – dann reduziert sich aber die Nutzlast auf magere 600 Kilo.

Zwei weitere Konkurrenten stehen immerhin schon in den Startlöchern: Renault mit dem Master Z.E. und Mercedes mit dem elektrischen Vito und Sprinter. Angekündigt sind diese Modelle schon lange – aber auf der Straße fährt noch keines. Kenner der Szene munkeln, es gäbe auf dem Markt zurzeit einfach nicht genügend Batterien. Mal schauen, ob VW dieses Problem besser in den Griff bekommt.


Technische Daten zum VW e-crafter L3/H3