Studie: Dicke Eltern, dicke Kinder Münchner Forscher über vererbbare Fettleibigkeit

Viele Kinder haben Übergewicht: Die Ausrede, das liege an den Genen, ist nicht unbedingt eine. Foto: dpa/privat/AZ

Prof. Martin Hrabe de Angelis berichtet, wie die Studie abgelaufen ist, was Kinder vor allem von der Mutter mitbekommen – und was von Vätern.

München - Fettleibigkeit ist vererbbar – das haben Münchner Forscher jetzt herausgefunden. Im AZ-Interview spricht Prof. Martin Hrabe de Angelis über den Ablauf der Studie.

AZ: Herr Hrabe de Angelis, das Team von Ihnen und Professor Beckers hat herausgefunden, dass sich falsche Ernährung und Fettleibigkeit der Eltern auf deren Kinder auswirkt. Wie lange haben Sie an diesem Projekt gearbeitet?

Martin Hrabe de Angelis: Viereinhalb Jahre. Wir haben es auch mehrmals wiederholt, weil wir selbst nicht glauben konnten, dass der Effekt tatsächlich so stark ist.

Können Sie Ihre Erkenntnisse kurz zusammenfassen?

Wir haben Tiere mit fettreicher Nahrung gefüttert, dadurch ist deren Stoffwechsel entgleist – das bedeutet, sie bekamen einen hohen Blutzucker und einen schlechten Stoffwechsel. Von diesen Tieren hat man dann Spermien und Eizellen entnommen und mithilfe von künstlicher Befruchtung in gesunde Mütter eingepflanzt.

Was haben Sie bei den Kindern beobachtet?

Wenn wir die Nachkommen der Tiere, die dick waren und Diabetes hatten, wieder mit einer fettreichen Diät füttern, dann werden sie durch ihre Veranlagung wesentlich schneller dick. Die Veranlagung zu Übergewicht und Diabetes wird also vererbt, aber nicht auf der DNA an sich, also dem Genstrang, sondern durch modifizierende Elemente, die am Genstrang hängen. Das nennen wir Epigenetik.

Wird ein Kind von dicken Eltern also wieder dick?

Es wird nicht automatisch dick, sondern dann, wenn es fett- und kohlenhydratreiche Ernährung bekommt. Dann wird es sehr viel schneller dick als ein Kind von dünnen Eltern. Im Tierversuch konnte das eindeutig gezeigt werden.

Es gab vorher ähnliche Studien in diesem Bereich.

Aber bei diesen wurden andere Faktoren wie Probleme in der Schwangerschaft nicht ausgeschlossen. Dadurch wusste man nicht, ob die Fettleibigkeit tatsächlich epigenetisch vererbt ist oder nicht. Was auch neu ist: Alle haben sich bislang immer nur mit der männlichen Seite beschäftigt. Denn die Untersuchung von Spermien ist einfacher. Aber wir zeigen, dass der Effekt auf die Nachkommen von der mütterlichen Seite auch sehr stark oder sogar noch stärker ist.

Heißt: Es hat nicht allein der Vater Schuld?

Mutter und Vater haben großen Einfluss. Aber es gibt Unterschiede: Die Mutter wirkt sich mehr auf das Übergewicht der Nachkommen aus, der Vater mehr dahingehend, was den Blutzuckerspiegel betrifft.

Wer sich vor Jahren schlecht ernährt hat und zu dick war, jetzt aber dünn ist – wirkt sich das trotzdem noch aus auf den Nachwuchs?

Das ist noch nicht klar. Grundsätzlich sind epigenetische Veränderungen reversibel. Das heißt? Die Veränderungen können rückgängig gemacht werden. Es könnte also sein, dass eine frühere Fettleibigkeit sich nicht auf den Nachwuchs auswirkt. Das müssen wir nun genau herausfinden.

Wie sollten Eltern aus Ihrer Sicht am besten leben?

Sie sollten sich gesund ernähren, sich bewegen und auf ihr Gewicht achten. Da all dies eine Rolle spielt, wenn man Nachwuchs bekommt, haben Eltern damit eine große Verantwortung. Denn die eigene, erworbene Fettleibigkeit kann eine prägende Auswirkung haben.

 

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