Studenten und Lehrer bangen um die Heimat Ukraine: Die Exil-Uni in München

Sie studieren an der Ukrainischen Freien Universität (v.li.): Alexandra (23), Veronika Skip (23) und Ira (28). Foto: Katharina Alt

München ist die Partnerstadt von Kiew. Seit 1945 hat hier auch eine ukrainische Exil-Universität ihren Sitz. Was die Studenten über die Revolution denken.

 

Nymphenburg. Bei diesem Viertel denkt man an das berühmte Schloss, den Kanal, den Botanischen Garten, großbürgerliche Villen. Kaum jemand weiß, dass es in Nymphenburg auch eine Hochschule gibt: die Ukrainische Freie Universität (UFU), an der rund 150 junge Menschen, vor allem Ukrainer, studieren.

Das Institut in der Barellistraße hat eine bewegte Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht: UFU-Studenten haben ihre Landsleute auf dem Maidan unterstützt und die Mahnwache am Sendlinger Tor organisiert, bei der Vitali Klitschko während der Siko sprach.

Noch im Dezember hat der frühere Botschafter der Ukraine in London, Volodymyr Vassylenko, an der UFU Vorträge gehalten – jetzt bereitet der Professor als Chef der zuständigen Kommission eine mögliche Anklage Viktor Janukowitschs vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vor.

„Außerdem möchten wir eine Gruppe von Juristen bilden, die bei der Ausarbeitung neuer Gesetze in der Ukraine helfen soll, vor allem im Bereich des Polizeirechts“, sagt UFU-Kanzler Andriy Dovganyuk (37). Ab nächster Woche wird getagt.

Gegründet wurde die Ukrainische Freie Universität 1921 von Exilanten in Wien. Noch im selben Jahr zog das Institut nach Prag um. „Nach dem Ersten Weltkrieg waren freie Wissenschaft und Lehre in der von Russland besetzten Ukraine nicht möglich“, erklärt Andriy Dovganyuk, warum sich etliche Intellektuelle ins Ausland retteten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fühlten sie sich auch in der Tschechoslowakei nicht mehr sicher und flohen nach Deutschland in die amerikanische Besatzungszone. Seit 1945 ist die UFU in München zuhause.

Sie besteht aus drei Fakultäten: einer philosophischen, einer für Staats- und Wirtschaftswissenschaften und einer für Ukrainistik. Die rund 48000 Bände umfassende Bibliothek gilt als die größte ukrainische Spezialbibliothek in Westeuropa. Die Hochschule ist vom Bayerischen Kultusministerium anerkannt, darf Magister- und Doktortitel verleihen.

Doch den meisten Studenten fällt es im Moment schwer, sich aufs Studium zu konzentrieren. „Mein Bruder und andere Bekannte sind nach Kiew gefahren und dort auf die Sicherheitskräfte getroffen. Zum Glück leben sie noch“, erzählt Veronika, die an der Philosophischen Fakultät studiert.

Die 23-Jährige ist angespannt. „Ich habe Angst, weil ich nicht glaube, dass jetzt alles in Ordnung ist. Die Ukraine ist gespalten in Ost und West.“ Auf der Krim kommt es seit Tagen zu Auseinandersetzungen zwischen pro-russischen und pro-europäischen Demonstranten.

Zwei weitere östliche Regionen der Ukraine würden ebenfalls von pro-russischen Regionalparlamenten verwaltet, sagt Studentin Ira (28). Dort seien noch viele Menschen dem Kommunismus verhaftet, sagen die Studentinnen. „Die nennen unsere Demonstranten Faschisten!“, ruft Veronika empört. Manche hätten einfach nicht verstanden, worum es auf dem Maidan eigentlich ging, ergänzt Alexandra (23): „Da stehen Leute drei Monate auf dem Unabhängigkeitsplatz herum anstatt zu arbeiten – so argumentieren die Anhänger der Anti-Maidan-Bewegung.“

Die angehende Wirtschaftswissenschaftlerin stammt selbst aus dem Osten der Ukraine. Mit ihren Bekannten zuhause spricht sie derzeit lieber nicht über Politik.

Deutsche sind an der UFU als Gasthörer zugelassen und können dort Ukrainisch-Sprachkurse belegen. Infos: 089 / 99 73 88 30.

 

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