Stubenoper von Georg Ringsgwandl "Der varreckte Hof" im Lustspielhaus

Zuschauen, wie alles den Bach runter geht: Das wunderbare Ensemble um die Bäuerin (Andreas Bittl) vom „varreckten Hof“ mit Musiker Titus Waldenfels (re.). Foto: Lustspielhaus

Derb, lustig, ausgefuchst: Die Stubenoper "Der varreckte Hof" von Georg Ringsgewandl im Lustspielhaus

 

Die alte Bäuerin meint es nicht gut mit Fliegen. Mit der Klatsche killt sie jedoch nicht nur kleine Viecher, sondern gibt auch brachial-matriarchal den Takt in der Stube vor. Der vollgestopfte Raum inklusive Jesus-Kreuz steht für den ganzen Hof, auf dem die Bäuerin nach dem Tod ihres Mannes einsam regiert, weil der Nachwuchs sich so gar nicht anschickt, das Erbe zu übernehmen. Die Alte hat aber ein Arsenal von Waffen, vor allem ihr Mundwerk, mit dem sie bei Bedarf Unsinn von sich gibt, so dass bald alle glauben, dass sie einen an der Klatsche hat.

Überall Mist und die Kinder sind städtische Workaholics

Die Kinder befürchten gar „am End‘ wird sie dement!“, und fühlen sich genötigt, doch öfters auf dem Hof mal vorbeizuschauen. Raffiniert ist sie, die Alte, denn hinter jedem Quatsch steckt eine Absicht.

Das ist eins der schönen Dinge bei dem Stück „Der varreckte Hof“, und das ist das Herrliche beim Georg Ringsgwandl, der diese daherbaiernde „Stubenoper“ verfasst hat und die Steffi Baier fürs Lustspielhaus inszeniert hat.

Die Chancen auf Erfolg stehen gut. Denn es ist eine schöne Sause, die der Ringsgwandl sich da ausgedacht hat, voll im Klischee badend, dabei nicht unheikel, gerade wenn die ukrainische Pflegehilfe sich in aller Selbstverständlichkeit prostituiert. Aber es kriegen alle ihr Fett weg: „Der Mensch lebt auf dem Land, der Mensch lebt in der Stadt“ heißt es zu Beginn. Hier das harte Landleben, verpönt von der nächsten Generation, dort die Turboleistungsgesellschaft. Überall Mist, weil überall geschuftet werden muss: auf dem Hof, in der Unteren Naturschutzbehörde, im Big Business, so dass alle „fertig, fertig, fertig“ sind.

Es steckt also grundsätzlich der Wurm drin in diesem Leben. Beim Ringsgwandl tritt dafür eine Ratte, sprich, „Ratz“, auf und singt mit. Die Bäuerin suhlt sich im Pessimismus, „schlecht wird’s, ganz schlecht“, aber darin liegt der Spaß: zuzuschauen, wie alles den Bach runtergeht und alle sich in ihrer Verlogenheit um die Wahrung des Anscheins bemühen, gepeinigt von geheimen Sehnsüchten.

Hintersinnig, modern: Das ist Bauerntheater mit Satire und Spaß

Ja, sie haben alle einen inneren Antrieb und der Ringsgwandl zeichnet seine Charaktere mit fetten Strichen: Die Tochter, von Kathrin Anna Stahl so herrlich streng und bieder gespielt, wie es ihre Brille verspricht, offenbart urplötzlich ihren Kinderwunsch, aber singt von all den Dingen, die „zuerscht“ kommen, bis es für die Familiengründung zu spät ist.

Und der vom Karrieretrieb gehetzte Managersohn – Sebastian Edtbauer, ein deutscher Jake Gyllenhaal mit virilen Starqualitäten – sehnt sich nach Ruhe und, naja, nach dem einen. Genauso wie der Mann der Lehrerin, der auch ein bisschen sexuelle Zuwendung braucht. Famos, wie Markus Baumeister vom „graden Günther“ singt: verhalten und scheinheilig, wie man es von einem Waschlappen von Ehemann erwartet.

Der Ringsgwandl, als Autor über dem Ganzen schwebend, steckt in Baiers Inszenierung rattig in allen Ecken. Man hört ihn förmlich singen, sieht ihn spielen. Wobei das Ensemble klare Originale hinsetzt – mit Titus Waldenfels als musikalischem Leiter, der am Rand die Gitarrensaiten ringsgwandlig anschlägt, gern so rau, dass ein Hauch Wilder Westen durch die Stuben fegt.

Steffi Baier inszeniert diese Sause ganz im Geiste des Autors, brettert genüsslich ins deftige, hintersinnige Bauerntheater, streift das Musical, mitsamt einem Liebesduett, in dem der Managersohn sich um die Pflegehilfe aus Osteuropa romantigst bemüht. Der Klischee-Svetlana gibt Silvia Maria Jung einen breiten Akzent, aber Köpfchen, und am Ende zeigt sich, dass sie sich gemeinsam mit der alten Bäuerin (grantig, ausgefuchst, wunderbar: Andreas Bittl) in der Kunst der Täuschung versteht. Satire und Spaß, das lässt sich nicht leicht hinkriegen, aber Steffi Baier und ihr Team schlagen diese zwei Fliegen mit einer Klatsche.

Lustspielhaus, Occamstraße, bis Samstag, 13.8. und wieder 16. bis 20.8. und, 23. bis 27.8., jeweils 20 Uhr, Karten: Telefon 34 49 74

 

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