Strawinsky-Zyklus Mit lockerer Kraft

Valery Gergiev, der künftige Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und Chef des St. Petersburger Mariinski-Theaters. Foto: dpa

Der zweite Abend von Valery Gergievs Strawinsky-Zyklus in der Philharmonie

 

Wiederum wurden die beiden jungen Damen in Blau links und rechts des Podiums von zwei kräftigeren Herren unterstützt. Doch nichts passierte: Weder vor noch während des Konzerts im Gasteig gab es irgendwelche Proteste gegen den Dirigenten Valery Gergiev und den Pianisten Denis Matsuev. Beide haben den offenen Brief russischer Künstler in der „Isvestija“ unterschrieben, der Putins Krim-Politik unterstützt.

Man mag sich über den Politiker Gergiev ärgern, musikalisch war der überraschend mäßig besuchte zweite Abend des vierteiligen Strawinsky-Zyklus ein Ereignis. Beim Schluss-Stück, dem Ballett „Petruschka“, verband das Orchester des Mariinski Theaters St. Petersburg fast amerikanische Brillanz mit russischer Seele. Der Trompeter war formidabel, die Farben schillerten und jedes Zahnrädchen der riesigen Spieldose griff gut geölt ins nächste.

Bei der Symphonie in drei Sätzen war dafür mehr Sand im Getriebe. Hier fehlte es an einer letzten präzisen Lockerheit vieler Bläser-Stellen. Gergiev bekam im wörtlichen wie im übertragenen Sinn den Kopf nicht aus der Partitur. Der Grundansatz stimmte: Es ist reizvoll, bei diesem Werk die bekenntnishaft-emotionale Seite gegenüber der objektiven hervorzukehren.

Ideal gelang das selten aufgeführte Capriccio für Klavier und Orchester, bei dem das Solo-Instrument als höheres Schlagzeug behandelt wird. Denis Matsuev erwies sich als prächtiger Klavierkraftkerl, Gefühle zeigte er anschließend bei zwei Préludes von Rachmaninow. Das Orchester gab Verdis Ouvertüre zur „Macht des Schicksals“ zu, was innerhalb eines Strawinsky-Zyklus überraschen mag. Aber diese Oper haben die Vorgänger der heutigen Musiker des Mariinski Orchesters 1862 uraufgeführt – es ist nun einmal ihr Stück.

 

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