Stinkefinger, Rudelbildung, Nachspielzeit Fingerzeig mit Folgen: Die Aufreger des Hertha-Spiels

Das Spiel zwischen dem FC Bayern und Hertha BSC bot zahlreiche Aufreger. Foto: Rauchensteiner/Augenklick/dpa/AZ

Bayern-Trainer Carlo Ancelotti streckt Hertha-Fans den Mittelfinger entgegen – „weil ich angespuckt wurde“, sagt er. Jetzt ermittelt der DFB. Es war nicht der einzige Aufreger des XXL-Spiels.

 

München/Berlin - Die 96. Minute, die letzte Aktion: Freistoß FC Bayern, Schuss Arjen Robben, abgeblockt, Robert Lewandowski staubt ab, Ball drin. 1:1.

Der späteste Treffer der Bundesliga-Historie seit Datenerfassung 1992. Abpfiff. Schluss. Aus.

Und ab ging’s. Mit der Sekunde, in der das Spiel Hertha BSC gegen den FC Bayern vorbei war, brachen alle Dämme. Die Schleusen gingen auf, Adrenalin überschwemmte die Gemüter. Es folgte das volle Emotionsprogramm: Beschimpfungen, Beleidigungen, Rudelbildung – kurz: die wahre Nach-Spielzeit im Berliner Olympiastadion.

Stinkefinger als unrühmliches Ende

Mit einem unrühmlichen Ende: dem Stinkefinger von Bayern-Trainer Carlo Ancelotti. Beim Gang in die Kabine soll der Italiener von der Tribüne aus angespuckt worden sein und reagiert wie im ZDF zu sehen, mit dem Mittelfinger. Eine Verkettung höchst emotionaler, unschöner Umstände. Doch wie kam es dazu, dass der 57-Jährige kurz die Contenance und die Beherrschung verlor?

Auf die 5:1-Gala in der Champions League gegen den FC Arsenal folgte also wieder so ein Nerv-Kick gegen geschickt und bissig ihr 1:0 durch Vedad Ibisevic verteidigende Gastgeber – letzte Woche Ingolstadt, diese Woche Hertha. Deren Zeitspiel als legales, aber unschönes Mittel war nur der erste von vielen Aufregern:

Die Krämpfe: Als willkommene Verschnaufpause während der Abwehrschlacht? "Die Hertha hat ein extrem auffälliges Zeitspiel betrieben. Die Krämpfe rund um die 60. Minute ohne die Belastung einer englischen Woche sind doch etwas auffällig gewesen", ärgerte sich Thomas Müller. "Wir waren fit", sagte Neuer und meinte sarkastisch-ironisch: "Die Mannschaft, die zuletzt die englischen Wochen in den Knochen hatte und oft in der Champions League gespielt hat, das waren die Berliner – die lagen ja reihenweise mit Krämpfen auf dem Boden. Das hat mich ein bisschen gewundert."

Debatte um Nachspielzeit

Die Nachspielzeit: Fünf Minuten lässt Schiedsrichter Patrick Ittrich anzeigen – auch wegen der Unterbrechungen durch die Krämpfe. Der Freistoß nach dem Foul am eingewechselten Kingsley Coman wurde bei 5:12 Minuten Nachspielzeit gepfiffen, korrekterweise dann noch ausgeführt.

Für Hertha und den aufgebrachten Trainer Pal Dardai ein absolutes No-Go. "Ein bisschen böse bin ich schon. Ich glaube, das ist Bayern-Bonus", schimpfte er bei Sky: "Sorry, da kann jeder beleidigt sein, aber nach fünf Minuten muss das Spiel beendet sein." Auch Hertha-Stürmer Vedad Ibisevic, der mit dem 1:0 (21.) seine Torflaute nach 656 Minuten beendete, sprach hinterher von einem Bayern-Bonus: "Warum muss man fünf Minuten nachspielen und dann noch zwei oben drauf? Wo gibt es das sonst? Nur bei den Bayern!"

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Die sahen es natürlich anders. Ancelotti: "Die Nachspielzeit geht in Ordnung, da hat Hertha viel Zeit verschleppt. Fünf Minuten waren okay." Lewandowski freute sich: "Oft ist die Nachspielzeit in der Bundesliga zu kurz, nur ein, zwei Minuten."

Der Jarstein-Aussetzer: Nach Abpfiff drosch Hertha-Keeper Jarstein aus Wut über das 1:1 den Ball weg und traf Xabi Alonso – es folgten Schubser, heftige Worte: Rudelbildung. "Es gehört sich einfach nicht, dass ein Spieler absichtlich abgeschossen wird – egal, wie frustriert man ist", sagte Neuer, "das hat mit Fairness nichts zu tun." Jarstein sah Gelb, hat sich später bei den Bayern entschuldigt. Trotzdem muss sich Jarstein gegenüber dem DFB-Kontrollausschuss äußern. Dem Norweger droht eine Sperre, sollte ihm eine Tätlichkeit nachgewiesen werden.

"Es war ein emotionales Spiel"

Der Stinkefinger: Ancelotti gab in der ARD ehrlich zu, so reagiert zu haben. "Ja, ich habe diese Geste gemacht, weil ich angespuckt wurde." Was erlauben Carlo? "Das gehört sich nicht, klar, ist aber menschlich nachvollziehbar", sagte Sport1-Experte Marcel Reif am Sonntag, "es war ein emotionales Spiel. Ancelotti war sauer, dass es bis zur 96. Minute gedauert hat. Italiener, neigen ja zur Gebärdensprache. Er war aufgewühlt – ist aber auch nur ein Mensch."

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund zeigte im ZDF-Sportstudio Verständnis für den Italiener: "Ich würde jetzt nicht den Stab über ihn brechen wollen. Ich würde mich nicht davon freisprechen, dass mir das nicht auch passieren könnte, wenn mich einer bespuckt. Wenn dir einer von oben auf den Kopf rotzt, findest du das nicht so spannend."

Schwamm drüber? Nicht ganz. Der DFB-Kontrollausschuss ermittelt und wird Ancelotti zu einer Stellungnahme auffordern. Es droht eine Geldstrafe. Gar eine Sperre? Nicht alles vom Nachspiel des Nachspiels: Laut Sport1 wurden auch die Schiedsrichter von Hertha-Fans angegangen und mit Körperflüssigkeiten bedacht. Ein Sonderbericht soll folgen – der dürfte dann auch eine Strafe nach sich ziehen.

 

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