Stiefvater vor Gericht Totgeprügelt: Warum musste Alessio (3) sterben?

Der Angeklagte wird ins Landgericht geführt. Er gesteht zum Prozessauftakt die Tat. Foto: Patrick Seeger/dpa

Ein Dreijähriger wird totgeprügelt. Jetzt steht sein Stiefvater vor Gericht. Er legt zu Beginn des Prozesses ein Geständnis ab. Doch in der Kritik steht auch das Jugendamt. Es soll Warnungen ignoriert haben.

 

Freiburg - Der dreijährige Alessio hat bis zu seinem Tod ein langes Martyrium erlebt – vor dem Landgericht Freiburg hat gestern der Prozess gegen seinen Stiefvater begonnen. Gleich zu Beginn zeigt er sich geständig. Der 33-jährige Landwirt muss sich wegen Totschlags und mehrfacher schwerer Kindesmisshandlung verantworten.

Der Falle hatte im Januar dieses Jahres bundesweit für Aufsehen gesorgt – unter anderem deshalb, weil das kleine Kind trotz Warnungen von Ärzten und Staatsanwälten in der Familie gelassen hatte.

Das Geständnis: Der angeklagte Stiefvater hat bislang die tödlichen Schläge immer bestritten. Gestern wendet sich das Blatt. Der 33-Jährige gesteht, den Buben zwei- bis dreimal mit der Faust in den Bauch geschlagen zu haben. „Es tut mir leid“, sagt der 33-Jährige. Er könne sich die Tat bis heute nicht erklären. Vermutlich habe er aus Angst vor dem Jugendamt, aus Enttäuschung und Überforderung gehandelt.

Die Tat: Was genau Mitte Januar auf dem Bauernhof nahe Freiburg passiert ist, ist schwer nachzuvollziehen. Feststeht, dass der kleine Bub nackt auf dem Boden liegt, als der Stiefvater mit den Fäusten auf ihn einschlägt. Das gibt der 33-Jährige zu. Er bringt den Buben noch zu einem Kinderarzt, dort stribt der Dreijährige kurze Zeit später an den schweren inneren Verletzungen.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft: „Alessio war einer Vielzahl körperlicher Übergriffe ausgesetzt“, sagt Staatsanwalt Klaus Hoffmann zum Prozessbeginn. Bereits im Juni 2013 habe es einen ersten Verdacht der Kindesmisshandlung gegeben. Über einen Zeitraum von mindestens eineinhalb Jahren hinweg habe der Stiefvater Alessio immer wieder geschlagen und schwer misshandelt, bis es schließlich zu den tödlichen Schlägen kam.

Ärzte haben davor gewarnt, die Kinder in der Familie zu lassen

Die Vorwürfe der jahrelangen Misshandlungen weist der 33-Jährige zurück. Auch seine eigene Tochter, die jüngere Halbschwester Alessios, habe er nie geschlagen. Auch dies wird ihm in der Anklage vorgeworfen. Das kleine Mädchen lebt inzwischen bei einer Pflegefamilie. Die zahlreichen Verletzungen, die Mediziner bei Alessio seit Juni 2013 regelmäßig feststellten, seien darauf zurückzuführen, dass der Bub häufig gestolpert und gestürzt sei. Er, der Angeklagte, sei dafür nicht verantwortlich.

Die Kritik am Jugendamt: Das Jugendamt soll Warnungen ignoriert und Alessio nicht ausreichend geschützt haben. Obwohl Kinderärzte und Staatsanwälte davor warnten, ließ die Behörde den kleinen Alessio in der Familie und allein beim Stiefvater, als die Mutter zur Kur und später in einer Klinik war. Nachdem mehrere Bürger Anzeige erstattet haben, ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen möglichen Behördenversagens. Diese Untersuchungen dauern den Angaben zufolge noch an.

In dem Prozess tritt die Mutter der beiden Kinder als Nebenklägerin auf. Sie hat die Vorwürfe gegen den Angeklagten bei der Polizei bestätigt. Ein Urteil könnte demnach Mitte Oktober fallen. Bei einer Verurteilung drohen dem Angeklagten bis zu 15 Jahre Haft.

 

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