Staatstheater Augsburg John F. Kennedy als Opernheld in "JFK" von David T. Little

Wie beim „Letzten Abendmahl“ – frei nach Leonardo da Vinci – präsentiert sich Präsident Kennedy samt Gattin Jackie und den Seinen in Roman Hovenbitzers Inszenierung. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Das Staatstheater Augsburg zeigt „JFK“, eine Oper des US-Komponisten John F. Little über den Präsidenten Kennedy

 

Wenn der Komponist ein Käppi in den amerikanischen Farben tragen würde, müsste unbedingt „Make Opera great again“ draufstehen. David T. Littles „JFK“ ist ein populistischer Gegenentwurf gegen die europäische Avantgarde des Musiktheaters. Die 2016 in Fort Worth (Texas) uraufgeführte Oper setzt mehr oder weniger da an, wo Giacomo Puccini aufgehört hat: beim Kult der Schönheit, bei Kantilenen, Spitzentönen und dem unverstellten Willen zur Überwältigung des Hörers.

In der Ausweichspielstätte des Staatstheaters Augsburg im Martini-Park schindet das Werk einigen Eindruck. Am Anfang sprechen die Nornen oder womöglich das Schicksal höchstpersönlich durch Solisten, Chor und die Augsburger Domsingknaben, während in einer Videoprojektion der US-Präsident in Dallas seinem Ende entgegenfährt.

Bekannte Versatzstücke

Jackie Kennedy (Kate Allen) klagt dem Mond ihre Schlaflosigkeit. Das muss man sich vorstellen wie die minimalistisch rekomponierte Plejaden-Arie aus Benjamin Brittens „Peter Grimes“. Was – wie jeder Populismus – durchaus etwas hermacht, aber auch hier vor allem aus bekannten Versatzstücken besteht, die Little virtuos neu zusammensetzt.

Weil das Ohr nun mal das Bekannte lieber hört als das Neue, wirkt „JFK“ in seiner virtuosen Gekonntheit durchaus anziehend. Zumindest für eine Weile. Das Problem ist nur, dass den musikalischen Klischees eine sehr klischeehafte Handlung entspricht, die aus der Rückblende erzählt wird, was auch nicht gerade taufrisch wirkt. In Fort Worth mag es einer Entmythologisierung gleichkommen, John F. Kennedy (Alejandro Marco-Buhrmester) als einen in der Badewanne einnickenden Morphinisten darzustellen. Wir Europäer sind da womöglich abgebrühter und verlangen bei einem solchen Stoff eher nach einer postmodernen Version mit mehreren Blickwinkeln oder Varianten des Mythos.

Man greift sich ans Herz

Bei „JFK“ bleibt alles ein wenig zu eindeutig und zu simpel. Der sexuell verklemmt wirkende Kennedy geht mit seiner Schwester. Nikita Chruschtschow singt überraschenderweise mit einer Tenorstimme, obwohl er die große Russen- und Kommunismus-Show abzieht. Später nervt Vizepräsident Lyndon B. Johnson mit Stripperinen und seinem Texanerfimmel, ehe Kennedy das Geschenk eines Stetson ignoriert und Jackie beschließt, ihrem Gatten doch treu zu bleiben. Die Musik ehrt sie dafür mit einem bombastischen Aufschwung, was die Inszenierung mit einer kreisenden Projektion der Kuppel des Kapitols von Washington krönt.

Der Hörer neigt dazu, wie bei einer amerikanischen Flaggenzeremonie ergriffen die Hand aufs Herz zu legen. Auch in der zweiten Hälfte bleibt die Musik zu bierernst, um die heitere Sphäre des Musicals auch nur zu streifen.

Gleich nach der Pause veranstaltet die zur Jackie Onassis verdoppelte Jackie Kennedy mit ihrer Putzfrau ein Re-Enactment des Terzetts aus dem „Rosenkavalier“, dessen Zucker mit minimalistischen Strategien entzogen und durch Süßstoff ersetzt wurde. Marilyn Monroe schaut kurz vorbei. Der Präsident spricht vor lokalen Handelskammervertreten, ehe ihn sein Schicksal ereilt, das zuvor noch mal mit Hilfe des großen Orchesters und Chören kräftig geraunt hat.

Das Problem ist die fehlende Haltung

Das Problem von „JFK“ ist keinesfalls der Versuch, tonal zu schreiben, auf bewährte Überwältigungseffekte zu setzen und die Harfe rauschen zu lassen. Das Problem ist die Haltung. David T. Little und sein Textdichter Royce Vavrek schaffen es nicht, deutlich auszusprechen, was Kennedy uns heute zu sagen hat. Sie stehen – Morphium hin oder her – der historischen Figur ungefähr so kritisch gegenüber wie die „Johannespassion“ ihrem Erlöser.

Der Rest ist Mythos: Kennedy leidet an Rückenschmerzen, Jackie Kennedy leidet stellvertretend für alle Ehefrauen. Vietnam bleibt bezeichnenderweise so unerwähnt wie die Schweinebucht. Und der Klebstoff Schicksal heilt ohnehin alle dramaturgischen Brüche.

Leider hilft die an sich handwerklich saubere Inszenierung von Roman Hovenbitzer da nicht viel weiter. Das Libretto möchte einen Wechsel zwischen realen und surrealen Szenen, die Regie stopft alles in das Korsett eines Kennedy-Films, dessen Regisseur (Wolfgang Schwaninger) samt Assistentin (Sally du Randt) immer wieder ordnend eingreifen.

Was Reelles

Sie sitzen an einem liebevoll mit Filmrollen, Aktenmappen und dem Bühnenbildmodell dekorierten Regietisch vor dem Orchestergraben, wo die Augsburger Philharmoniker unter Lancelot Fuhry den amerikanischen Sound mit deutschem Klang-Ernst härten. Dem lauscht man gebannt, das sei zugestanden. Aber wehe, man entzieht sich dem Sog und sinniert über dramaturgisch und musikalisch strengere Präsidenten-Opern wie John Adams’ „Nixon in China“ nach.

Dann kommt einem der Satz von Richard Strauss in den Sinn, dass Puccini mit einer delikaten Weißwurst zu vergleichen sei, deren Genuss nicht lang vorhalte und nach der man wieder nach etwas Reellem verlange. Nicht gleich Avantgarde vielleicht, aber um im Bild und amerikanisch zu bleiben, beispielsweise nach „La fanciulla del West“.

Wieder am 28. März, 9., 14.. 27. April sowie 8. und 18. Mai im Staatstheater Augsburg, Martini-Park. Karten online und unter Telefon 0821 324 49 00
 

 

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