Staatsbesuch von Elizabeth II. Queen: Deshalb besucht sie heute Bergen-Belsen

Queen Elizabeth II. besucht am Freitag die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. Foto: dpa

Bei ihrem fünften Staatsbesuch in Deutschland besucht Elizabeth II. die Gedenkstätte Bergen-Belsen - auf persönlichen Wunsch. Warum dieser Ort so große Bedeutung hat für Großbritannien und die Queen.

 

Bergen-Belsen - Zum ersten Mal betritt Königin Elizabeth II. an diesem Freitag ein ehemaliges Konzentrationslager. Bergen-Belsen wurde Mitte April 1945 von britischen Alliierten befreit. Gedenkstätten-Leiter Jens-Christian Wagner erklärt die besondere Bedeutung des Ortes in der Lüneburger Heide für die Erinnerungskultur in Großbritannien. 1926, der Jahrgang der Queen, sei einer der häufigsten Jahrgänge von überlebenden KZ-Häftlingen, sagt Gedenkstätten-Leiter Wagner.

Frage: Ist es für Sie eine besondere Ehre, Queen Elizabeth II. und Prinz Philip in Bergen-Belsen zu begrüßen?

Antwort: Vor allem fühlen sich die Menschen, die Bergen-Belsen überlebt haben, durch den Besuch der Queen geehrt. Das sagen uns viele ehemalige Häftlinge. Sie verstehen das Interesse der Queen als Würdigung derjenigen, die nicht überlebt haben.

Die Königin war mehrfach in Niedersachsen, 2001 besuchte sie sogar britische Soldaten in Bergen. Warum hat sie so lange mit einem Besuch der Gedenkstätte gewartet?

Darüber kann man nur spekulieren. Möglicherweise wollte sie die Deutschen nicht vor den Kopf stoßen. An mangelndem Interesse hat es bestimmt nicht gelegen. Die Königin hat in den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mehrfach Gespräche mit Holocaust-Überlebenden geführt. So ist das Thema für die Queen immer präsent gewesen, nur nicht an einem authentischen Ort der NS-Verbrechen. Man muss bedenken, es ist genau ihre Generation. Sie ist Jahrgang 1926, das ist einer der häufigsten Jahrgänge von überlebenden KZ-Häftlingen.

Waren bereits andere Mitglieder der Königsfamilie hier?

Der Duke of Gloucester, ein Cousin der Queen, hat die Königsfamilie kürzlich bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung von Bergen-Belsen vertreten. Er war auch schon bei der Eröffnung des neuen Dokumentationszentrums 2007 dabei.

Warum ist Bergen-Belsen für die Briten so wichtig?

Es ist das einzige Konzentrationslager, das die britischen Truppen befreit haben. Das hatte erhebliche Folgen für die britische Erinnerungskultur. Bergen-Belsen gilt in Großbritannien als das Symbol für NS-Verbrechen und den Holocaust. Das ist in den USA komplett anders, da stehen eher die von den Amerikanern befreiten Lager Dachau und Buchenwald im Vordergrund - und natürlich Auschwitz.

Welche Rolle spielten dabei die schockierenden Filmaufnahmen der Briten aus Bergen-Belsen, die auch in Ihrem Dokumentationszentrum gezeigt werden? Zu sehen sind Berge von Leichen und ausgemergelte Häftlinge, die wie lebende Tote aussehen.

Die Aufnahmen prägten das kollektive Bewusstsein in Großbritannien. Die Berichte der Kriegsreporter und Bilder der Fotografen erschienen im April 1945 in allen britischen Zeitungen. Schon im Mai 1945 wurde das Material in kleinen Ausstellungen in England gezeigt.

Wie bereiten Sie sich auf den Besuch des Königspaares vor?

Ich werde mir ganz genau überlegen, was ich ihnen in den wenigen zur Verfügung stehenden Minuten erzähle. Wichtig ist mir der Hinweis, dass Bergen-Belsen keine Holocaust-Gedenkstätte, sondern eine KZ-Gedenkstätte mit vielen Opfer-Gruppen ist. Die politischen Häftlinge geraten in jüngster Zeit leider zunehmend in Vergessenheit. Jeder weiß, wer Anne Frank war. Der Sozialdemokrat Heinrich Jasper hingegen, der zur gleichen Zeit in Bergen-Belsen starb und als früherer Ministerpräsident des Landes Braunschweig einer der bekanntesten Gegner der Nazis war, ist heute weitgehend vergessen.

Zur Person: Jens-Christian Wagner (49) leitet die Gedenkstätte Bergen-Belsen, die jährlich rund 250 000 Menschen besuchen. Darüber hinaus ist der Historiker Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.

 

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