Sportspektakel aus dem 15. Jahrhundert Moderne Gladiatoren: So hart ist die neue Canon-Werbung

Gleich tut's weh: Der Calcio Storico in Florenz gilt als das härteste Fußballturnier der Welt Foto: Canon Europe/Youtube [Screenshot]

So erbittert wird sonst nirgends um den Ball gekämpft: Beim Calcio Storico treffen jedes Jahr die härtesten Athleten von Florenz aufeinander. Die wohl brutalste Variante des Fußballs geht auf die Zeit der Renaissance zurück.

Es wirkt wie eine Mischung aus Fußball und Gladiatorenkampf: Tätowierte Muskelberge jagen auf einem Sandplatz einem Ball hinterher - und verprügeln sich dabei nach Herzenslust gegenseitig. Da wird geboxt und gerungen, immer wieder wird ein Spieler auf einer Tragbahre abtransportiert: Der Calcio Storico in Florenz gilt nicht von ungefähr als das härteste Fußballturnier der Welt. Der Kamerahersteller Canon hat sich den brutalen Sport dennoch für seine "Come and See"-Werbekampagne ausgesucht, denn für atemberaubende, actionlastige Bilder ist das archaische Spektakel immer gut.

Was auf den ersten Blick wie eine reine Massenschlägerei aussieht, ist ein Traditionssport, der seine Wurzeln im 15. Jahrhundert hat. Und auch der Calcio hat seine Regeln: So dürfen immer nur zwei Spieler gegeneinander kämpfen, Angriffe von hinten sind ebenso tabu wie Tritte gegen den Kopf. Sonst ist allerdings fast alles erlaubt, und so schicken die Teams gerne auch hauptberufliche Boxer und Kampfsportler auf den Platz. Ziel ist trotz allem, den Ball ins gegnerische Netz zu befördern - wie genau, ist wiederum weitgehend egal. 27 Spieler stehen auf jeder Seite, das Match wird durch einen Kanonenschuss eröffnet und dauert 50 Minuten. Pausen gibt es keine, unterbrochen wird nur bei einem Sanitäter-Einsatz - was freilich oft genug vorkommt.

Während sich heute Maurer, Möbelpacker und Türsteher um den Ball kloppen, war Calcio in der Renaissance-Zeit eine Domäne des Adels. Sogar die Päpste Clemens VII., Leo XI. und Urban VIII. frönten im Vatikan dem Sport. Die Edlen von Florenz ließen sich nicht einmal vom Calcio abbringen, als Kaiser Karl V. 1530 die Stadt belagerte. Wenn sie in friedlicher Absicht kamen, wurden fremde Herrscher auch gerne eingeladen, sich eine Partie anzusehen. So etwa König Heinrich III. von Frankreich, der sich 1574 in Venedig tief beeindruckt zeigte: "Es ist zu klein für einen richtigen Krieg und zu grausam, um ein Spiel zu sein", sagte der Monarch.

Im frühen 17. Jahrhundert legte sich das Interesse am Calcio. Erst 1930 wurde der Sport in Italien wiederbelebt, heute wird er nur noch in Florenz gespielt. Vier Mannschaften treten im jährlichen Turnier gegeneinander an, die jeweils ein historisches Stadtviertel vertreten: Die Blauen aus Santa Croce, die Roten aus Santa Maria Novelle, die Weißen aus Santo Spirito und die Grünen aus San Giovanni. Das Finale findet immer am Johannistag (24. Juni) statt, um den Schutzpatron von Florenz, Johannes den Täufer, zu ehren.

Darüber, wie gut dem Heiligen Calcio gefallen würde, darf natürlich spekuliert werden. In Florenz jedenfalls ist der Sport populär, aber keineswegs unumstritten. 2006 kam es zu einem Skandal, als eine Partie zwischen den Weißen und den Blauen nach wenigen Minuten wegen ihrer Brutalität abgebrochen wurde - was die Spieler nicht davon abhielt, sich trotzdem noch eine Stunde lang gegenseitig zu verdreschen. Im folgenden Jahr fiel das Turnier aus, danach wurde der Calcio strengen Regeln unterworfen, die in den letzten Jahren allerdings auch wieder gelockert wurden. Denn dass gerade seine archaische Gewalttätigkeit viel von dem Reiz des Sportes ausmacht, dürfte den Kritikern genauso klar sein wie den Befürwortern.

Advertorial - was ist das?

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading