Sportpsychologe erklärt Bayerns Pleitenserie „Geringere Kapazität im Gehirn“

Kampfgewicht von 110 Kilogramm: Jared Homan vom FC Bayern. Foto: dpa

Nur ein Auswärtssieg in zehn Spielen: Hier erklärt ein Sportpsychologe Bayerns Pleitenserie.

 

AZ: Herr Beckmann, haben sich die Basketballer des FC Bayern schon bei Ihnen gemeldet? Schließlich könnten die beim Auswärtsspiel am heutugen Samstag in Frankfurt (20.05 Uhr, Sport1) wegen ihrer dramatischen Auswärtsbilanz von nur einem Sieg in zehn Spielen Ihre Unterstützung als Sportpsychologe bestens gebrauchen.

JÜRGEN BECKMANN: Nein, haben sie nicht.

Wieso gelingt es den Spielern nicht, die Leistungen aus den Heimspielen auch auf fremdem Parkett zu zeigen?

Auswärtsspiele sind besonders belastend. Ausverkaufte fremde Hallen, aggressives Publikum, Anti-Bayern-Hasstiraden – das ruft gerade bei jüngeren, unerfahreneren Spielern eine sogenannte Orientierungsreaktion hervor. Eine normale Reaktion eines jeden Menschen: Wenn wir auf etwas Neues treffen, lenken wir zunächst unsere ganze Aufmerksamkeit darauf. So müssen auch die Bayern-Spieler erst einmal die ungewohnten Reize verarbeiten. Doch dadurch steht ihrem Gehirn eine geringere Kapazität, sich auf die sportliche Leistung zu konzentrieren, zur Verfügung.

Liegt darin der berühmte „Heimvorteil“ begründet?

Im Gegenteil – es gibt Studien, die bewiesen haben, dass für einige Sportler Heimspiele sogar eine noch größere Belastung haben. Der Erwartungsdruck der eigenen Fans kann größere Versagensängste hervorrufen als das bei einem Auswärtsspiel der Fall ist.

Das Szenario eines Auswärtsspiels müsste den Bayern-Basketballern doch bekannt sein. Schließlich ist schon mehr als die Hälfte der Saison vorbei.

Die Mannschaft des FC Bayern steht einer besonderen Situation, fast schon einer Extremsituation, gegenüber. Da reicht eine Saison nicht aus, um sich daran zu gewöhnen. Der FC Bayern polarisiert. Und alle wollen nur eines: gegen die großen Bayern gewinnen.

Ist das Problem also der Vereinsname?

Die Erwartungshaltung und die öffentliche Aufmerksamkeit ist nirgends so groß wie bei diesem Verein. Es gibt Spielertypen, die daraus eine besondere Stärke ziehen können. Bei den Basketballern ist das aber anscheinend noch nicht der Fall. Jeder wartet auf ein Straucheln des FC Bayern, bei einer Niederlage hagelt es Spott und Häme. Das bringt der Vereinsname mit sich, egal in welcher Sportart.

Gewöhnt man sich eigentlich ans Verlieren?

Als Leistungssportler gewöhnt man sich nie ans Verlieren. Wenn man sich nicht für jedes Spiel vornimmt, das Spielfeld als Gewinner zu verlassen, sollte man aufhören.

Wie kann man die Versagensängste bei künftigen Auswärtsspielen aus den Köpfen der Spieler bekommen?

In erster Linie gilt es, sie auf den Charakter der Ungewohnheit der jeweiligen fremden Halle und das damit verbundene Unwohlsein vorzubereiten. So wissen die Spieler was sie erwartet: Wie die Halle aussieht, wie sich die gegnerischen Fans verhalten. So entsteht ein Gefühl der Vertrautheit. Das kann man schon dadurch erreichen, indem man dem Team ein Video von vorherigen Spielen in dieser Halle zeigt. Dabei stehen aber Publikumsszenen im Vordergrund, das ersetzt keine Gegnervorbereitung.

 

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