Sporthaus Schuster Flori Schuster: "Ich weiß, wie die Münchner ticken."

Flori Schuster, 58, ist Sporthaus-Chef und Geschäftsmann. Als solcher wehrt er sich gegen alle Kritiker, die der City ihren Charme absprechen wollen. Foto: Katharina Alt

Das Sporthaus Schuster ist 100 Jahre alt. Zum Jubiläum spricht Gründerenkel Flori Schuster im AZ-Interview über sein Erfolgsgeheimnis, die Konkurrenz und den Wettbewerb um sein Erbe

München Zum Hundertjährigen hat Flori Schuster gute Laune: Der 58-Jährige leitet das Sportgeschäft in der Rosenstraße, das sein Großvater am 22. April 1913 eröffnete. Dem Familienunternehmen geht es sehr gut, sagt Schuster. Und das in einer Zeit, in der immer mehr Traditionsläden schließen (etwa Rottenhöfer oder Kuchenreuter, AZ berichtete).

AZ: Herr Schuster, immer mehr Münchner Familienunternehmen gehen ein. Was machen die falsch?

Flori Schuster: Das kann man schwer sagen, aber ich glaube, man muss die Leute mit Herz ansprechen, das ist das Betriebsgeheimnis. Wir nennen uns „leidenschaftlich münchnerisch“, weil wir uns als Münchner Unternehmen sehen, das die Sprache der Leute spricht, das weiß, wie die Münchner ticken und in welcher Umgebung sie leben. Das ist ein Argument, zum Schuster zu gehen und sich dort wohler zu fühlen als in einem anderen Laden.

Auch urmünchnerische Unternehmen haben Krisen...

...ja, die hatten wir auch. Ende der 90er haben wir gemerkt, dass unser Geschäft in den alten Räumen nicht mehr weitergehen kann. Es war zu verwinkelt, das war für Kunden nicht mehr attraktiv. Die Umsätze sind stehen geblieben, wir standen mit dem Kopf unter der Decke. Mit dem Neubau ab 2005 haben wir gegengesteuert und sind aus der Krise gekommen.

Im Jahr 2003 haben Sie ein anderes Münchner Traditionsunternehmen gerettet: Sport Münzinger am Rathauseck.

Dorle Münzinger kenne ich seit dem Sandkasten, unsere Eltern waren befreundet. Nachdem Dorle ihren Lebensmittelpunkt woanders gesehen hat, wollte sie ihr Haus in guten Händen wissen. Wir haben schon überlegt, eine Schuster-Filiale reinzumachen, haben aber dann die Marke Münzinger fortgeführt. Aus Respekt vor der Tradition.

Vielen ist Tradition aber nicht so wichtig, sie schätzen die Vorteile des Internets. Besorgt Sie das?

Der Online-Handel ist eine Herausforderung, weil sich dort so viele Möglichkeiten ergeben. Aber wir sind auch dort gut vertreten, und an sich kennen wir den Fernabsatz ja seit fast 100 Jahren aus unserem Kataloggeschäft.

Die Schuster-Kataloge zeigen, wie sich das Sportgeschäft und die Werbung dafür über die letzten 100 Jahre gewandelt hat. Auf den ersten Katalogen sind noch Berge, dann kommen gemalte Alpinsportler, vor allem Skifahrer. In den 60er Jahren zeigen die Cover viel Sportmode, in den 70ern strahlende Porträts. In den 80ern sieht man dort dann auch Sportarten wie Tennis, in den 90ern dann Golf. Seit gut zehn Jahren steht wieder der Gipfelsport vorne und stets trägt der Katalog etwas vom Schuster-Hellgrün. Der Kontrast dazu ist das Orange vom Sport Scheck, dem größten Konkurrenten.

In Kürze zieht Sport Scheck ins Pschorr-Haus an der Neuhauser Straße, die Verkaufsfläche wird doppelt so groß sein wie Ihre. Können Sie da noch mithalten?

Mit unserem Charisma können wir dagegenhalten. Und die Zweiheit zwischen der Firma Scheck und dem Schuster ist seit Jahren ein prägendes Element hinter dem Magnetismus, den die Innenstadt hat. Der macht es einem Kunden schwer, woanders zu kaufen, bevor er nicht in der Innenstadt geschaut hat. Die Handelsqualität ist groß und gewinnt auch durch Firmen wie Abercrombie oder Apple.

Flori Schuster ist ein leidenschaftlicher Verteidiger der Münchner Innenstadt. Als im Oktober 2003 Münchner Geschäftsleute in der AZ über das Aussterben der Tradition jammern, schreibt Schuster einen Leserbrief. Die City sei „noch immer charmanter, schöner, abwechslungsreicher und gemütlicher als in allen anderen Städten in Deutschland.“ Im AZ-Interview legt er sogar nach: 

Meiner Meinung nach ist Münchens Innenstadt attraktiver als alle anderen in Europa. Weil es hier Traditionsläden gibt, in denen man spürt, dass man in München ist. Aber ich warne die Stadtbehörden: Attraktivität ist kein Selbstläufer. Der Handel trägt einen erheblichen Anteil. Er ist nicht nur derjenige, der mit Lieferverkehr die Stadt verstopft und nur dem schnöden Mammon nachrennt.

Die „Stadtbehörden“. Da ist Flori Schuster ein gebranntes Kind. 2005 wurde der Entwurf für den Neubau des Sporthauses mehrmals von der Stadtgestaltungskommission abgeschmettert. Einige Mitglieder hatten schwere Bedenken. Erst als Oberbürgermeister Christian Ude ein Machtwort zugunsten des Umbaus sprach, waren die Dauer-Grantler ruhig.

Sie wollten sich nach dem Umbau wieder mehr auf die Schuster-Wurzeln, den Bergsport, besinnen. Trotzdem setzen Sie zu einem großen Teil auf Breitensport. Verkauft sich das einfach besser?

Ich sehe es nicht so, dass unser Profil verwässert. Der Schuster ist nach wie vor das Sportgeschäft zwischen München und den Alpen und da kann man nicht nur klettern. Ich empfinde es außerdem so, dass unsere Kunden unter der Woche mit Laufen, Fitness-Studio oder Yoga trainieren für das, was sie am Wochenende an Skitouren, Klettereien oder dergleichen machen.

Früher hatten Sie Ausrüstung fürs Fechten, Tauchen oder Golf spielen. Warum heute nicht mehr?

Da hat sich im Markt allerhand getan. Viel Spezialausrüstung wie auch Reit- oder Kampfsport-Sachen werden bei Veranstaltungen verkauft, das hat bei uns keine Heimat mehr. Da widmen wir lieber unseren Kernkompetenzen mehr Platz.

Ältere Kunden kennen den Schuster noch als „ASMÜ“, was für „August Schuster München“ stand. Sie boten eigene Produkte an. Warum sind die verschwunden?

Das waren ja nicht unbedingt Eigenproduktionen, sondern das waren etwa Produkte von Salewa, die wir überprüft haben und unter unserem Namen anbieten durften. Mittlerweile ist es ja so, dass Eigenmarken fast einen schlechten Ruf haben. Damals war das noch umgekehrt.

Haben Sie „ASMÜ“ aufgegeben?

Wir werden die Marke nicht ganz aufgeben. Vielleicht gibt es einmal eine Vintage-Kollektion unter diesem Namen.

Sie sind mit dieser Marke aufgewachsen. Waren Sie als Kind viel im Geschäft?

Ja, nach der Schule und auch samstags. Da bin ich mit mein Vater zusammen mittags immer zum Spöckmeier essen gegangen. Und da war ich richtig gschleckert: Ich habe immer Tournedos gegessen, kleine Steaks mit Speck ummantelt. Soweit ich mich erinnern kann, hab ich dort nie was anderes gegessen. Als ich das dem damaligen Wirt Willi Kreitmair ein paar Jahre vor seinem Tod einmal erzählt habe, hatte er Tränen in den Augen.

1984, zehn Jahre nach dem Tod seines Vaters, wurde Flori Schuster Chef des Sporthauses. Heute steht schon die nächste Generation an. Er hat drei Söhne, einer davon wird einmal der Chef.

Hat sich schon einer Ihrer Söhne als Nachfolger hervorgetan?

Einer der drei ist jetzt ins Unternehmen eingetreten. Er steht gerade am Packtisch und wird alle Stationen im Haus durchlaufen. Aber das heißt noch nichts. Entscheidend ist, welcher der drei mir zeigt, dass er die Firma in die Zukunft führen kann und will.

Ein Wettkampf, den die Söhne sportlich nehmen?

Ja. Sportler sind Leute, die akzeptieren, wenn ein anderer besser ist. Darum mag ich auch das Sportgeschäft so. In der nackerten Mode ist das mehr Schein als Sein. Die Sportbranche ist eine sehr ehrliche Branche.

 

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