Sport „Propaganda! Ein großer Maskenball“

„Man kann man sich dem Stadion aus allen Richtungen nähern, es ist immer anders. Es steht für Offenheit, Dynamik. Und für Sehnsucht nach Freiheit“: Ai Weiwei über sein Werk. Foto: dpa

Der Künstler, der das Stadion entwarf, ist ein harter Regimekritiker – und wundert sich selbst, dass sie ihn für Interviews wie dieses hier nicht verhaften.

 

Interview von: Florian Kinast

AZ: Ai Weiwei, an diesem Freitag schaut die ganze Welt auf Ihr Werk: auf das Vogelnest, das Olympiastadion von Peking. Macht Sie das stolz?

AI WEIWEI: In gewisser Weise ja, ob einem das Stadion jetzt gefällt oder nicht. Denn die Menschen in Peking wollten diese Spiele haben, und jetzt sind sie tatsächlich da, für China hat das eine historische Bedeutung. Aber wenn Sie mich jetzt nicht nach dem Stadion gefragt hätten, hätte ich es längst schon wieder vergessen.

Warum denn das?

Weil ich viele andere Dinge zu tun habe. Das Vogelnest ist für mich längst Vergangenheit.

Dabei schwärmt die ganze Welt von dem Bau als zukunftsweisende Architektur für das 21. Jahrhundert.

Das kann man aus verschiedenen Blickwinkeln sehen. Mich fasziniert an dem Stadion, wie man sich ihm aus allen Richtungen in gleicher Weise nähern kann und es doch immer anders ist. Es steht für Offenheit, Dynamik. Und für die Sehnsucht nach Freiheit. Das gefällt mir. Was mir nicht gefällt, ist die Eröffnungsfeier.

Ist die Zeremonie für Sie zu sehr Staatspropaganda?

Ja, Propaganda wie jede olympische Eröffnungsfeier auf der ganzen Welt. Das ist ein großer Maskenball, der ist für mich uninteressant. Es geht nur um eine große Showparty, die die Probleme des Landes ausklammert. Dabei müssen diese Probleme dringend gelöst werden. Aber das ganze System ist falsch. Die Ideologie ist falsch, die Ergebnisse sind falsch. Daran werden auch die Spiele nichts ändern.

Dabei versprach das IOC bei der Vergabe der Spiele an Peking 2001, die Situation würde sich in China dramatisch verbessern, was Menschenrechte und Meinungsfreiheit angeht.

Wenn sie das gesagt haben, dann tun sie mir leid. Die Realität sieht anders aus. Die Verbesserungen, die es gab, waren nicht substanziell. China hat 30 Milliarden Euro in die Spiele gesteckt, dafür gab es etwa neue Straßen. Schön. Jeder Mensch freut sich über eine neue Straße. Dafür hat sich gerade die soziale Situation mit rücksichtslosen Investoren verschlimmert, Stadtentwickler ohne Hemmungen, die mit korrupten Methoden und mit Wissen der Regierung arbeiten.

Sind das alles böse Menschen in der Regierung?

Da gibt es sicher einige, die wirklich das Beste wollen für die Leute. Das Problem ist, dass die Politik von ganz oben ganz unten nicht ankommt, die Kluft zwischen reich und arm wird immer größer. Stellen Sie sich China als ein Haus vor, dann führt der Weg von denen da oben zum Normalbürger durch das größte Treppenhaus, das Sie sich vorstellen können. Und wenn die da oben aus lauter Wohltat einen Eimer Wasser ausschütten, kommt unten kein einziger Tropfen mehr an.

Das muss die Menschen unzufrieden machen.

Tut es auch. Es gibt jeden Tag kleine Widerstände, Aufbegehren von ganz unten. Die Regierung hat Angst davor, und ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, wann dieser dramatische Wandel kommen wird, wann das System aufhört zu bestehen. Kommen wird der Wandel, davon bin ich überzeugt.

Aber wann? In fünf, zehn, 50 Jahren?

Keine Ahnung. Kommt darauf an, wie schnell das Land noch weiter degeneriert. Es gibt nicht genug Kritik, nur einige wenige haben den Mut, so zu reden wie ich. Es bräuchte zehn Leute wie mich oder 100. Eigentlich haben wir doch viele Menschen, so groß wie China ist.

Aber die Menschen haben wohl Angst, sich zu äußern.

Das ist ein Grund. Die Geschichte zeigt: Jeder, der bisher etwas gesagt hat, hatte die Konsequenzen zu tragen, wurde ruiniert, wurde zerstört. Der andere Grund ist, dass die Menschen nicht mehr glauben, etwas ändern zu können. Sie haben aufgegeben, sie sind resigniert.

Haben Sie denn mit Ihrer Systemkritik bisher keine Probleme bekommen?

Nein. Bisher nicht. Die Leute können mich frei besuchen, ich sage ihnen, was ich denke.

Sie hatten nie Angst, verhaftet zu werden?

Angst nicht. Denkbar ist es aber schon. Meine Freunde und meine Familie sagen auch immer, dass sich das eines Tages rächen wird, dass ich so offen spreche. Aber ich kann nicht anders. Das ist ein Kampf nicht für mich, aber für die Menschen, die sich nicht trauen, den Mund aufzumachen.

Den Mund hat auch das IOC nach den Unruhen in Tibet nicht aufgemacht. Damals forderten viele im Westen einen Boykott der Spiele.

Das wäre dumm gewesen. Das hätte den dumpfen chinesischen Nationalismus gefördert, das hätte auch zu einem weiteren Auseinanderdriften der Kulturen geführt. Es gibt doch schon genug Missverständnisse, gerade zwischen Europa und China. Dabei ist die Angst der Europäer vor unserem wirtschaftlichen Wachstum übertrieben. Sie ist emotional, nicht rational. China geht es doch nur darum zu überleben, nicht zu expandieren. Die Chinesen selbst wissen auch gar nicht um ihren Stand in der Welt, weil wir von der ganzen Welt zuwenig wissen. Wir waren Jahrhunderte eine in uns geschlossene Gesellschaft, deswegen müssen wir noch viel von der westlichen Welt lernen.

Tragen diese Spiele zum Lernprozess bei?

Ja. Schwer zu sagen, ob das ausreicht, aber es macht die Leute aufmerksam. Noch nie waren in der Geschichte Pekings so viele Ausländer auf einmal in der Stadt. Jetzt müssen wir uns mit ihnen auch abgeben. Wir Chinesen haben eine Redensart: Was wir nicht sehen, geht uns nichts an. Aber jetzt sehen wir die Welt. Und sie geht uns etwas an. Der Sport hilft uns dabei, und auch die Kunst. Kunst ist immer eine globale Sache, egal wie privat sie sein mag. Kunst ist eine der wenigen Kommunikationsformen, die uns auch in Zukunft erhalten bleiben wird.

Die aber manchmal auch gern instrumentalisiert wird.

Als Verstärker einer falschen Ideologie, die aber nur falsche Illusionen hervorbringt. Die Eröffnungsfeier ist auch nur eine Illusion.

Sie werden also vermutlich nicht hingehen.

Nein. Es hat mich auch niemand eingeladen. Oder lassen Sie mich es so sagen: Ich habe meinen Platz einem Gast freigehalten. Das klingt doch schöner. Meine Freunde Jacques Herzog und Pierre de Meuron werden dort sein, sie werden mir sicher viel erzählen. Und ob ich es mir im Fernsehen anschaue, kann ich Ihnen nicht sagen. Vielleicht mache ich währenddessen auch ein Nickerchen und träume von meiner eigenen Feier. Bestimmt nicht von dieser. Ich möchte nach meinen Überzeugungen handeln und reden. Und glauben Sie mir, ich werde weiter das sagen, was ich will. So lange ich kann.

Im September 2009 kommt Ai Weiwei mit einer großen Ausstellung ins Münchner Haus der Kunst.

 

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