SPD-Urgestein ist tot Ottmar Schreiner: Abschied eines Kämpfers

Ottmar Schreiner ist im Alter von 67 Jahren an Krebs gestorben. Er war ein Urgestein der SPD, erbitterter Gegner der Agenda 2010 – und stritt mit großer Leidenschaft für die Arbeitnehmer

 

BERLIN Für die einen war er der aufrechteste Kämpfer für das soziale Gesicht der SPD, für die anderen ein unbeweglicher Betonlinker – aber alle sind sich einig, dass Ottmar Schreiner immer aus voller Überzeugung geackert hat. Nicht wie viele andere aus taktischen oder persönlichen Interessen. Jetzt ist der streitbare SPD-Mann, Freund von Oskar Lafontaine und Nachbar der Kanzlerin, im Alter von 67 Jahren am Samstag an seiner Krebserkrankung gestorben.

Die Trauer ging über alle Parteigrenzen hinweg. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) twitterte: „Er war 18 Jahre lang mein Gegenkandidat im Wahlkreis Saarlouis. Er war ein starkes Stück SPD. Danke.“ Linke-Chef Bernd Riexinger würdigte ihn als einen der „Großen der Arbeitnehmerbewegung“: „Er wird auch uns fehlen.“

Besonders groß war die Trauer in der SPD. Parteichef Sigmar Gabriel: „Die Nachricht von seinem Tod hat mich tief erschüttert. Noch vor Kurzem habe ich ihn im Krankenhaus besucht, er war voller Hoffnung, seine Krebserkrankung zu überstehen. Er war bis zuletzt ein überzeugter und geradliniger Sozialdemokrat.“ Saar-Landeschef Heiko Maas sagte: „Ottmar Schreiner war einzigartig. Er hat viel erreicht und viele Niederlagen erlitten. Sie haben ihn gezeichnet, aber nicht gebrochen. Leider haben viele erst spät gemerkt, dass sein politischer Kompass der richtige war.“

Als der damals 32-jährige Saarländer 1980 in den Bundestag gewählt wurde, hieß der Kanzler Helmut Schmidt. Zuvor hatte Ottmar Schreiner versucht, sich zum Juso-Chef wählen zu lassen – er verlor gegen einen gewissen Gerhard Schröder: der Auftakt einer langen Gegnerschaft. 1998, nach dem rot-grünen Wahlsieg, machte Oskar Lafontaine seinen Freund Schreiner zum SPD-Bundesgeschäftsführer. Als Lafontaine zehn Monate später hinwarf, entfernte Schröder auch Schreiner aus der Führungsebene und installierte stattdessen Franz Müntefering im neuen Amt des Generalsekretärs.

Er nervte Merkel mit Mireille-Mathieu-Chansons

Der Hauptkonflikt drehte sich um die Agenda 2010. Schreiner bekämpfte das Projekt mit aller denkbaren Vehemenz. Aber für ihn war auch klar, dass er seinem Freund Oskar nicht den Weg in die Linkspartei folgen würde. „Ich bin ausgebildeter Fallschirmjänger. Die schmeißen nicht hin.“ Auch halte er den Weg, sich an der SPD zu rächen oder sie kaputtmachen zu wollen, für falsch – er könne sich nicht vorstellen, dass in Deutschland ohne oder gegen die SPD anständige Politik gemacht werden könne.

Also blieb er in der SPD und kämpfte. Lange Jahre war er isoliert, von 2002 bis 2009 hielt er im Bundestag keine einzige Rede. Er wolle sich im Parlament nicht zum Kronzeugen gegen seine Partei machen lassen, sagte Schreiner. Dafür trat er in Talkshow und bei Demonstrationen auf, als lauteste Stimme der SPD gegen Hartz IV und als einflussreicher Chef des SPD-Flügels Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (Afa). Als Schröder 2005 Neuwahlen ansetzte, begründete er dies auch damit, dass er nicht von den „Ottmar Schreiners und den Andrea Nahles’ gestürzt werden“ wolle.

Nach der Wahlniederlage 2009, als der neue Parteichef Sigmar Gabriel den Kurs der SPD wieder anrötete, löste sich die Entfremdung. Doch so freundlich die verbalen Elogen („Es wäre besser gewesen, wir hätten öfter auf Ottmar gehört“, so Gabriel), die Basis wollte ihm nicht recht folgen: Seinen letzten großen Auftritt hatte er 2011, als er auf dem Parteitag darum kämpfte, die Reformen nicht nur zu korrigieren, sondern zurückzunehmen – die weitaus meisten Delegierten stimmten dagegen.

In Berlin wohnte Schreiner im gleichen Haus wie Angela Merkel, es soll Reibereien gegeben haben: Der Kanzlerin und ihrem Mann wurde es öfters zu laut, wenn der SPD-Mann seine Lieblingsmusik – Chansons von Mireille Mathieu – aufdrehte.

 

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