SPD-Parteitag SPD-Parteitag: 99 Prozent der Stimmen für Ude

Münchens OB Christian Ude am Sonntag auf dem SPD-Parteitag. Zu den hohen Umfragewerten der CSU sagte er: „Umfragen kann man kaufen, Wahlennicht.“ Foto: dpa

Christian Ude zum Spitzenkandidaten der Bayern-SPD gewählt - Münchens OB erhält 99 Prozent der Stimmen.

 

Nürnberg - Die Dixie-Band klingt etwas schräg. Macht nix, das Rhythmus-Gefühl der Delegierten ist ja auch steigerungsfähig, als der Hoffungsträger in die Nürnberger Messehalle einzieht. Aber Christian Ude ist Ungenauigkeiten in Ton, Takt und Abstimmung gewohnt. Das spielt jetzt auch keine Rolle, den großen Tag soll nichts verderben. „Ich bin seit 22 Jahren bei der Stadt München angestellt“, sagt Ude Stunden später in seiner Kandidatenrede: „Jetzt bewerbe ich mich um einen Bewährungsaufstieg beim Staat.“

Bisher sei es ja so gewesen, dass die CSU Bayern als ihren Erbhof ansieht: „Mehr Machtarroganz geht nicht“, sagt Ude. Und bisher habe für alle gegolten, die nicht bei der CSU sind und etwas werden wollten im Freistaat: „Lasst alle Hoffnung fahren“. „Das“ sagt Ude, und erntet einen ersten großen Applaus: „Das tun wir nicht! Wir werfen den Hut in den Ring.“

Zuvorderst der 64-Jährige: Er  bewarb sich am Sonntag als Spitzenkandidat der Bayern-SPD - und die schickte ihn fast einstimmig ins Rennen gegen Horst Seehofer. 99,7 Prozent der 300 Delgierten stimmten für Ude. Unterstützung kann er gebrauchen. Denn richtig gut läuft das Projekt Machtwechsel nicht. Die Umfragen sehen keinen Ude-Effekt (s. unten). Die Partner, die für eine Koalition nötig sind, machen Ärger. Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, irrlichtert als Euro-Kritiker durch die Lande. Die Option, mit der CSU zusammen zu gehen, mag der selbstherrliche Landwirt nicht aufgeben.

„Der wird sich auf Rot-Grün besinnen“ glaubt Herbert Lohmeyer als Landshut: „Mit der CSU wird er zermalmt wie die FDP.“ Dass der SPD in elf Monaten dasselbe Schicksal droht, mag er so wenig sehen wie die anderen Delegierten. Kampfeslust ist angesagt, Fahnenschwenken und „Ude-Ude! Rufe“ im relativ kleinen Saal Brüssel der Nürnberger Messe. Der Kandidat beschreibt und beklagt, wie die CSU vom Atomausstieg bis zum Donau-Ausbau Positionen geräumt habe. Jetzt vertrete sie SPD-Positionen.

„Warum immer warten, bis die CSU als letzte ein Einsehen hat und klein bei gibt, wenn man gleich die bessere Partei wählen kann?“ fragt Ude. Die Frage stellen sich die Delegierten, aber offenkundig zu wenige Bürger. Eine Wechselstimmung sieht auch Renate Schmidt „akut nicht“. Aber: Die ehemalige Spitzenkandidatin, die zwei Mal an Stoiber gescheitert ist, ist sich sicher: „Wir haben eine Chance.“ Der Kandidat will sie nutzen, aber Wunder mag er nicht versprechen. „Hier mal eine Universitäts-Klinik in Augsburg, da mal ein Konzertsaal für München, und das alle mit Steuersenkung“, das sei mit ihm nicht drin. Ohnehin schaffe er das alles nicht allein, mahnt Ude.

Und er stellt gleich einige prominente Helfer vor. Verena Bentele zum Beispiel, viermalige Goldmedaillengewinnerin bei den Paralympics im Biathlon, soll ihm beim Thema Sport und Inklusion beraten. Glaubt sie an seine Chance: „Nur einer wie er“, sagt die blinde Sportlerin, könne die CSU-Dominanz brechen. „Er hat ja in den letzten 19 Jahren gezeigt, was er kann.“ Was rät sie ihm, angesichts schlechter Umfragewerte: „Es ist wie im Sport“, sagt sie zur AZ: „Man muss sich vorbereiten, man muss bei seinem Ziel bleiben und man muss daran glauben.“

Nur an die Umfragen mag hier niemand glauben: „In Umfragen hat die CSU einen Kompetenzvorsprung“, sagt Ude. Aber: „Wir wollen Wahlen gewinnen und keine Umfragen“. Zu diesem Ziel verspricht Ude erneut die sofortige Abschaffung der Studiengebühren „als erste Amtshandlung einer neuen Regierung“. Eine „sozialdemokratisch geführte Staatsregierung“ werde auch nicht mehr gegen die Einführung des Mindestlohns stimmen. Ebenso werde er als Ministerpräsident gegen den Missbrauch von Leiharbeit kämpfen.

„Wenn Arbeitsverträge in Werkverträge umgewandelt werden, wenn aus Lohnkosten Sachkosten werden, dann sei das „nicht hinnehmbar.“ Die kämpferische Art kommt an, erst recht, wenn Ude seine kabarettistische Ader gekonnt einsetzt und die „Kehrtwende als natürliche Fortbewegungsart der CSU“ geißelt. Aber der Weg in die Staatskanzlei ist kein Show-Programm. Für Ude, da sind sich die Delegierten einig, wird es ein langer schwieriger Weg: Und es klingt ängstlich und hoffnungsvoll zugleich, wenn die Münchner Partei-Vize-Vorsitzender Isabell Zacharias sagt: „Es kann noch so viel passieren.“

 

4 Kommentare