Soziologe im AZ-Interview Terror-Experte: "Die Dschihadisten haben Deutschland im Visier"

Erschütternde Momente: Im Foyer der Manchester Arena kümmern sich Ersthelfer um Schwerverletzte. Der Boden ist blutverschmiert. Foto: AZ-Montage/imago

Nicht wachsam genug und schlecht vorbereitet: Ein renommierter Terror-Experte erklärt, warum England und die Bundesrepublik besonders gefährdet sind.

 

Der 61-jährige Soziologe und Autor Gilles Kepel ist Professor am Institut d’études politiques de Paris und einer der renommiertesten Kenner des radikalen Islamismus. Er hat mit der AZ gesprochen.

AZ: Professor Kepel, unter den Opfern von Manchester sind viele Minderjährige. Ist das die neue, schreckliche Strategie der Islamisten: Terror gegen Kinder?
GILLES KEPEL: Nein, das war ein Anschlag auf eine beliebige Zusammenkunft von Menschen wie in Nizza, am Breitscheidplatz oder im Bataclan in Paris, wo ebenfalls ein Konzert stattfand. Die Dschihadisten wollen die Menschen glauben machen: Du bist nirgendwo sicher, "weiche Ziele" sind uns jederzeit willkommen. Signifikant ist, dass dieser Anschlag während des britischen Wahlkampfs geschehen ist. Das ist der jüngste Ansatz der Dschihadisten: Sie wollen die Politiker der Länder als Geiseln nehmen, die sie angreifen.

Wie bitte?
Beispiel Frankreich: Dort hatten die Dschihadisten gehofft, die Wähler durch Gewaltakte dazu bringen zu können, für Marine Le Pen zu stimmen. Aber wegen der Angriffe auf das sogenannte Kalifat in Syrien und weil die französische Polizei so viel in den Kampf gegen die Terroristen investiert hat – besonders in die Entschlüsselung ihrer Smartphone-Kommunikation – hatten wir in Frankreich seit sechs Monaten keine Attacke mehr. Das hat Le Pen ihre Niederlage beschert und Emmanuel Macron den Sieg.

Es hat aber auch dazu geführt, dass sich der Terrorismus – nach 239 Toten zwischen Januar 2015 und Juli 2016 – außerhalb Frankreichs reorganisiert.

Welche Länder haben die Dschihadisten jetzt im Visier?
Länder, deren Sicherheitsbehörden weniger aufmerksam und weniger gut vorbereitet sind: Deutschland und das Vereinigte Königreich. Nach Ansbach, Würzburg und dem Anschlag auf den Breitscheidplatz hat sich in Deutschland gezeigt, wie uneffektiv es in dieser Hinsicht ist, dass die Polizei Sache der 16 Bundesländer ist, genau wie in Großbritannien. Beide Staaten stehen nun vor der großen Aufgabe, ihren Sicherheitsapparat so umzustrukturieren, dass sie dieser Bedrohung gewachsen sind.

Was wollen die Dschihadisten mit Tod und Terror eigentlich erreichen?
Sie wollen Druck auf die europäischen Gesellschaften ausüben, damit die Menschen sich rächen, Moscheen entweihen und die extreme Rechte wählen. Damit die Dschihadisten dann ihren Glaubensbrüdern weißmachen können: "Schaut her: Es gibt keine Integration. Die Deutschen, die Franzosen, die Briten sind alle Rassisten. Und deshalb ist die einzige Lösung, für ein anderes, in sich abgeschlossenes System zu kämpfen." Das ist ihr Ziel: ein Bruch in der Gesellschaft, Bürgerkriege in Europa. In Frankreich haben sie das nicht geschafft. Aber Deutschland und Großbritannien stehen jetzt vor dieser Herausforderung.

Um erfolgreich zu sein, brauchen die Islamisten Mitstreiter. Wer folgt Kindermördern?
In Frankreich gab es so etwas bereits: Im März 2012 hat ein Mann namens Mohammed Merah in Toulouse kleine Kinder vor einer jüdischen Schule getötet und das sogar gefilmt. Das hat unter Dschihadisten eine Debatte ausgelöst, ob es okay ist, Kinder zu töten oder nicht. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass aus jüdischen Kindern einmal israelische Soldaten werden und deshalb waren diese Morde für sie halal (Arabisch für "erlaubt", d. Red.). Trotzdem waren viele der Menschen, von denen sie gehofft hatten, sie durch das Töten mobilisieren zu können, entsetzt. Aber Horror ist für Dschihadisten kein Problem. Das wissen wir aus ihren Videos: Sie wollen ihre Zuschauer erschrecken, ihre Stärke demonstrieren. Es geht ihnen nicht darum, die gesamte Gesellschaft zu überzeugen. Es geht ihnen darum, Sympathisanten dazu zu bringen, sich unter ihrer Fahne zu sammeln.


Gilles Kepels jüngstes Buch "Der Bruch" (Kunstmann, 20 €) beschreibt die aktuelle Strategie der Dschihadisten in Europa.

 

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