Sonderisolierstation Ebola: München ist gerüstet für das Virus

Wer auf der Sonderisolierstation im Schwabinger Krankenhaus arbeitet, muss einen Ganzkörper-Schutzanzug mit Gesichtsschutz tragen. Die Montur anzulegen, dauert 20 Minuten. Foto: dpa

Das Klinikum Schwabing verfügt über die einzige Sonderisolierstation in Bayern. Ein Patient mit Ebola würde hier behandelt. "Wir sind vorbereitet", sagen die Mediziner.

 

München - Zum ersten Mal kämpfen Mediziner in der Bundesrepublik um das Leben eines Ebola-Patienten: Im Hamburger Uniklinikum wird ein senegalesischer Arzt behandelt (AZ berichtete). Der Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation hatte sich in Sierra Leone in einem Labor mit dem hämorrhagischen Fieber infiziert. Die WHO bat die deutschen Experten um Hilfe.

Ein Szenario, das bald auch in München Realität werden könnte. Nicht, weil ein Tourist das Virus aus Afrika einschleppt – die betroffene Region ist kein Urlaubsziel. Sondern weil sich mittlerweile 240 WHO-Mitarbeiter mit Ebola angesteckt haben, von denen 120 bereits gestorben sind. „Der Fall könnte kommen“, sagt deshalb Professor Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie und Tropenmedizin am Klinikum Schwabing. „Wir sind vorbereitet.“

Das Münchner Krankenhaus ist eines von nur acht in ganz Deutschland, das über eine Spezialabteilung für Patienten mit hochansteckenden, potenziell tödlichen Krankheiten verfügt. Von den bundesweit 50 Behandlungsplätzen sind 37 mit intensivmedizinischen Geräten ausgestattet. Zwei davon befinden sich auf der Sonderisolierstation im Schwabinger „Haus 10“. Es sind die einzigen in Bayern, auch Patienten aus Tirol und dem Salzburger Land würden mit einem Spezialfahrzeug der Münchner Berufsfeuerwehr hierher gebracht.

Im obersten Stockwerk des Gebäudes liegen Menschen mit Masern, TBC oder Dengue-Fieber. In der ersten Etage befindet sich die Schutzstation, auf der für gewöhnlich niemand behandelt wird. Im Ernstfall kann sie innerhalb von vier Stunden aufgerüstet werden.

Das Personal, das dann zum Einsatz kommt (in 24 Stunden werden acht Ärzte und 16 Pflegekräfte gebraucht), arbeitet in anderen Klinik-Bereichen und kann sofort zusammengetrommelt werden. Es trainiert einmal pro Woche den Umgang mit Hochrisiko-Patienten. Angst, sich mit Ebola oder etwas Anderem anzustecken, hat die Mannschaft offenbar nicht. „Unsere Mitarbeiter sind hoch motiviert. Es kommen gerade extrem viele Freiwillige zu den Schulungen“, sagt der Chef.

Die Station, die kurz vor den Olympischen Spielen 1972 in Erwartung möglicher Pest- oder Pocken-Fälle eröffnet wurde, ist durch mehrere Schleusen von der Außenwelt abgeriegelt. Der Patient kann über Außentreppen und Balkone ins Krankenzimmer gebracht werden, ohne mit anderen in Kontakt zu kommen. Im Inneren herrscht Unterdruck, damit keine Luft – und vor allem kein Erreger – nach außen gelangt. Die Raumluft wird mehrfach gefiltert, bevor sie wieder an die Umgebung abgegeben wird. Eine eigene Kläranlage bereitet das Wasser aus der Station wieder auf, keimfrei natürlich.

Wer hier arbeitet, muss sich in einen Ganzkörperanzug mit Gesichtschutz zwängen und zwei Paar Handschuhe übereinander ziehen. Eine Prozedur, die gut 20 Minuten dauert. Die Overalls werden fortwährend mit gefilterter Luft befüllt. Eine Verständigung mit dem Mediziner-Team ist deshalb nur über Headsets möglich.

„Eine evidenzgeprüfte, kausale Ebola-Therapie gibt es nicht“, sagt Clemens Wendtner. Über experimentelle Ansätze müsse man im Einzelfall entscheiden. Vor allem aber werde man versuchen, den Patienten mit Hilfe der Intensivmedizin zu stabilisieren: durch Infusionen, die Unterstützung des Kreislaufs und im Notfall mit Bluttransfusionen.

All das im sperrigen Schutzanzug zu bewältigen, ist so anstrengend, dass die Mannschaft alle drei Stunden ausgetauscht werden muss. Nach einer 15-minütigen Formalin-Dusche zur Infektion dürfen Ärzte und Schwestern die Station wieder verlassen. Ihre Anzüge werden vernichtet. Genau, wie das gesamte medizinische Inventar am Ende der Therapie: Die Geräte werden aus Sicherheitsgründen verbrannt.

Einen Ebola-Verdachtsfall hat es in München noch nie gegeben. Aber andere. Nach den Terrorattacken am 11. September 2001 und den Anthrax-Anschlägen in der Folgezeit standen in Schwabing mehrere Menschen unter Beobachtung, bei denen man eine Milzbrand-Infektion befürchtete. Vor zwei Jahren wurde ein Patient mit Verdacht auf Lassa-Fieber eingeliefert. Außerdem wurden EHEC-Kranke behandelt und der Leichnam eines arabischen Mannes, der am Mers-Corona-Virus gestorben war, auf die Rückführung vorbereitet.

Tatsächlich sei es statistisch viel wahrscheinlicher, dass ein Patient mit einer anderen Infektionskrankheit als Ebola versorgt werden müsse, sagt Clemens Wendtner. Sein Kollege, Oberarzt Michael Seilmaier, ergänzt: „Es gibt zig Krankheiten, die viel ansteckender sind. Masern, TBC und Influenza töten jedes Jahr bis zu eine Million Menschen.“ Im letzten halben Jahr seien in Westafrika 1500 Männer, Frauen und Kinder an Ebola gestorben – „und bestimmt 100 000 an Masern.“

Und trotzdem: Im Ernstfall, sagen die Ärzte, „werden wir alles tun, um den Patienten, das Personal, die Angehörigen und die Bevölkerung optimal zu schützen“.

 

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