Sommer-Festival feiert Jubiläum 25 Jahre Tollwood: "Diese Mischung gibt's sonst nirgends"

Das Sommer-Tollwood heute und damals: Klicken Sie sich durch unsere Bilderstrecke! Foto: Wackerbauer/Tollwood

25 Jahre Tollwood – das sind Anekdoten und Spaß, kleine und größere Katastrophen und natürlich viel Improvisation. Davon erzählt der technische Leiter hier. Und die AZ zeigt historische Bilder.

 

München - Seit dem zweiten Tollwood-Festival ist Johann Labermeier, „Biwi“ genannt, vom Festival nicht wegzudenken. Der 54-Jährige ist der technische Leiter des Festivals und damit quasi Mädchen für alles; er kennt jeden Grashalm auf dem Gelände. In der AZ schildert er zum Jubiläum – am Mittwoch beginnt das 25. Sommerfestival – seine Sicht auf ein Vierteljahrhundert Tollwood.

Die Anfänge

Geld war keins da, aber Not macht erfinderisch – und das hat den Charakter des Tollwood auch geprägt, dieses Alternative. In der Künstlerkneipe Musikalisches Unterholz „MUH“ ist die Idee zum Festival entstanden, gegründet haben das Rita Rottenwallner und Uwe Kleinschmidt. Es gab ein großes Zelt, drumherum wurde Essen verkauft, irgendwer hat Solarpaneele angeboten und ein Wasserrad, dem die Zukunft gehört. Abends gab’s Konzerte mit Local Heroes wie etwa Georg Ringsgwandl, Hubert von Goisern. Solche Leute haben auf dem Tollwood angefangen.

Ums erste Tollwood hatte der Uwe einen Zaun gebaut, damit die Leute Eintritt zahlen. Den hat der Regen weggespült. Unser Hauptbüro war am Anfang ein Campingplatz-Hauszelt. Da stand der Tresor drin und auf dem saß die Chefin drauf.

Das Sommerfestival war von Anfang an hier. Das erste Winterfestival stieg 1992 dort, wo jetzt die Pinakothek der Moderne steht, Roncalli-Platz hieß der damals. Dann sind wir auf das Gelände zwischen Hacker- und Donnersberger Brücke gezogen, 2000 auf die Theresienwiese, das Heiligtum der Stadt.

Die Besonderheit

Es gab so bestimmte Leute, die sind auf so ein Festival gegangen. Heute kommen auch Anzugträger, alle möglichen Leute, sitzen beieinander im Biergarten und trinken ein Bier. Und das finde ich toll. Bei uns gibt’s auch kaum Streit oder Schlägereien. Das schätzen die Leute auch. Als Frau kannst du problemlos allein hergehen, auf der Wiesn ist das schon was anderes. Wenn man mal zwei Streithähne beruhigt, stellt sich meist raus, dass die zusammen zu Hause losgegangen sind.

Die Missgeschicke

Der Uwe sagte zum Beispiel: „Ich hab’ bei der tschechischen Grenze Hütten bauen lassen, holt’s die doch mal ab.“ Dann sind wir hochgefahren. Die Hütten standen auf der tschechischen Seite. Und die Grenze war damals noch etwas ganz anderes als heute.

Einmal hieß es, wir könnten bei einem Förster umsonst ein paar Bäume fällen – also sind wir in den Wald gefahren und haben das Sägen angefangen. Bis der Jäger mit der Flinte neben uns stand: „Ein Baum noch und ich schieße!“ War der falsche Wald.

Wir hatten eine Tier-Bühne, wo die Musiker zwischen Schweinen, Kühen, und Schafen gespielt haben, die Tiere ständig ausgebüxt. Morgens haben wir dann die Ziege am Olympiaturm eingesammelt und das Schwein am Leonrodplatz. Oder der alte Toilettencontainer, den wir günstig in Niederbayern bekommen haben und der auf dem Festival umgekippt ist. Saß zum Glück keiner drin. So Sachen sind halt passiert, weil’s an allen Ecken und Enden gefehlt hat.

Die Entwicklung

Viele sagen, dass Tollwood hätte an Charme verloren und wäre so viel kommerzieller geworden. Ich finde das nicht, wir sind über die Jahre professioneller geworden. Was wäre das für ein Geschrei, wenn wir keine Toiletten für alle hätten und all sowas.

Das Festival ist größer geworden. Dafür können wir Aktionen machen, die wir vorher nicht hätten machen können. Diese ganze Plattform für Umweltthemen gab es damals ja noch nicht, und heute erreichen wir wahnsinnig viele Leute damit. Es wird niemandem aufgedrängt, man kann herkommen und essen und trinken, aber sich auch informieren. Natürlich verbrauchen wir so auch Strom – aber so sparsam wie möglich. Wir tun, was in unserer Größenordnung möglich ist. Wer setzt sich schon in ein Zelt, in dem’s Minusgrade hat?

Der Aufwand

Im ersten Jahr habe ich das Tollwood gar nicht mitgekriegt, obwohl ich ganz nah gewohnt habe. Beim zweiten kam ein Kumpel von mir und sagte, „Du suchst doch einen Job – die bauen da ein alternatives Festival auf.“

Seit 15 Jahren bin ich jetzt technischer Leiter. Ich habe als Arbeiter angefangen, Hütten aufgebaut und so. Damals haben wir zu zweit aufgebaut, heute sind’s 40, 50 Leute. Wir verlegen kilometerweise Leitungen und graben große Pumpen und Container ein, die wir später wieder ausgraben, weil wir Strom und Wasser auf dem Gelände brauchen.

Der Aufwand von den Auflagen her ist groß – jeder Wasserhahn wird im Labor geprüft. Aber ich finde das richtig so, ich möchte auch nicht auf ein Festival gehen und abends ein komisches Gefühl im Magen haben, weil ich dort etwas getrunken habe.

Die Feinde

Regen: Wenn es regnet, wirst du permanent konfrontiert damit. Die größeren Gastronomen sehen es etwas lockerer, aber wenn’s dann länger regnet, fangen die auch an zu jammern. Aber so schlimm ist der Regen gar nicht. Es kommen trotzdem Leute. Wenn’s regnet, füllen sich halt die Zelte.

Bei großen Konzerten in der Musik-Arena sind allein 5000, 6000 Leute da, die in der Regel noch etwas essen und trinken auf dem Festival. Und sobald es schön wird, ist der Platz in einer Stunde so voll, dass man nicht mehr durchkommt.

Manchmal denke ich, die sitzen alle im Gebüsch und springen raus, sobald es aufhört.

Fußball: Eine Vollkatastrophe. Zur WM 2006 hieß es erst, wir können Fußball nur unter hohen Sicherheitsvorkehrungen zeigen. Aber wir wollten nicht die Taschen unserer Gäste durchwühlen müssen. Bei den letzten Spielen ging’s dann doch, da haben wir die Konzerte vorverlegt und die Spiele danach gezeigt. Aber das ist nicht so angenommen worden. Fußball und Tollwood verbinden die meisten Leute nicht miteinander. Da gab’s dann Gastronomen, die zu mir sagten, „Komm mal her, ich geb dir einen aus – dann war heut’ zumindest ein Gast da.“ Wir versuchen, Tollwood in die fußballfreie Zeit zu legen, so gut es geht.

Die Katastrophen

Das Gefährlichste sind Stürme. Drei, vier Böen können so ein Zelt wegreißen. Ich entscheide, ob wir das Gelände räumen oder nicht. Es kann natürlich sein, dass wir räumen und das Unwetter zieht dann 500 Meter an uns vorbei. Ärgerlich. Aber alle sind so vernünftig, zu wissen, dass die Sicherheit der Gäste vor geht.

1999 hat es fünf Sekunden gedauert und die Zelte waren weg. Zwischen Weihnachten und Neujahr war das, am 26. Dezember. Der Sturm hat alles platt gemacht. Das Metall verbogen, die Planen zerrissen. Das konnten wir nur noch in den Müllcontainer schmeißen. 2002 hat es uns noch ein Zelt weggerissen, auch im Winter.

Wir haben echt harte Jungs hier. Die haben geheult. Man steht dem so machtlos gegenüber. Alles, was man tun kann, ist zu räumen, einen Schritt zurückzutreten und zuzusehen, wie alles weggerissen wird. So ein Zelt kostet 500000 Euro.

Die Höhepunkte

Da gibt es so viele. Wenn man Wortfetzen von den Besuchern aufschnappt: „Ui, schau mal da! Warst du schon mal in dem Zelt, das ist so toll!“ Künstler, die einem sagen, die Atmosphäre sei so besonders. Wenn es den Leuten gefällt, ist das die Bestätigung, dass man es richtig gemacht hat.

Das Heute

Ich liebe dieses Durcheinander. Du erklärst einer Mutter den Weg zum Wickeltisch, gehst ums Eck und da steht Carlos Santana und will was von dir. Viele fragen mich, ob ich nicht langsam aufhören will. Aber jedes Tollwood ist anders, eine Mischung, die du sonst nirgends hast.

 

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