Sigi Müller trifft „Ein echtes Münchner Gwachs“

Lauter Erinnerungen: Münchens älteste aktive Kabarettistin, Sängerin und Entertainerin Ruth Megary (92) hat Geschichte(n) geschrieben. Foto: Sigi Müller

AZ-Stadtspaziergänger Sigi Müller hat sich mit Ruth Megary getroffen. Die 92-Jährige schaut blendend aus, ist topfit und Münchens älteste aktive Sängerin, Kabarettistin und Entertainerin.

 

München – Wir treffen uns im Café am Josephsplatz. Ein Café mit einer kleinen Bühne. „Hier hab’ ich auch schon gespielt“, sagt sie und begrüßt den Wirt mit Bussi. Im Haus daneben ist sie aufgewachsen. Ausgebombt wurde das Haus, aber nach dem Krieg neu gebaut.

Ihre ersten Auftritte waren 1942. Dienstverpflichtet für eine Wehrmachtstournee, so sprudelt es aus der agilen 92-Jährigen heraus. Geschichten über Geschichten. Im Café ist gerade die Zeit zwischen Mittag und Kaffeezeit, da lässt sich entsprechend gut fotografieren, weil wenig Gäste da sind. Also unterbrechen wir die Unterhaltung und beginnen zu shooten. Vorher umziehen. Bühnengarderobe. Alles verpackt in einen Koffer, den die Kabarettistin hinter sich her ins Café gerollt hat. Ein tolles Abendkleid, eine Glitzerjacke und ab auf die Bühne. Vorwitzig durch den roten Stoff gelinst – und dann Vorhang auf und los.

Aufgrund eines Erlasses der Reichstheaterkammer mussten Sängerinnen und Sänger damals im Nationaltheater eine Eignungsprüfung machen. Als Ruth Megary, sehr klein, sehr zierlich, vor der Jury erschien, wurde sie belächelt. Aus so einem Resonanzkörperchen kann keine große Stimme kommen, so die Meinung. Sie gewann am 9. Januar 1943 als 19-Jährige vor den Belächlern das einzige Staatsstipendium für das Mozarteum in Salzburg. Nach der Ausbildung: Tourneen, Gastspiele, überall.

Sie reiste durch ganz Deutschland, spielte viel im Annast (heute Tambosi). Viele Zeitungsausrisse, Plakate und Programmhefte belegen ihre Karriere. Sigi Sommer schrieb über sie, als es die AZ noch für 20 Pfennig gab: „Die glutäugige Ruth Megary, ein echtes Münchner Gwachs.“ Für ihr Programm „Chanson Frivol“ schrieb man ihr das Lied: „Ein bisschen Leder braucht doch jeder“. Alles hat sie gesungen, auch Rock’n’Roll und natürlich: Summertime.

„Ned erschreckn, jetz sing i was“, ruft sie den Gästen zu, und schon schmettert Megary den Song durchs Lokal und bekommt Applaus. Vor der Tür dann der Abschied. Die kleine, quirlige Ruth Megary mit ihrem Rollkoffer, einem letzten Winken und dem Versprechen, einmal wieder einen Kaffee zusammen zu trinken.

In diesem Sinne eine schöne Woche,

Ihr Sigi Müller

 

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