Sie holte Doppel-Bronze Paralympics-Star Clara Klug: "Viel getan in den Köpfen"

Clara Klug und Biathlon-Guide Martin Härtl Foto: dpa

Clara Klug (23) aus München, die zum Abschluss der Paralympics die Fahne trug, spricht in der AZ über Doppel-Bronze und Probleme im Alltag.

AZ: Frau Klug, Montagnacht sind Sie nach Ihren zwei Bronzenen bei den Paralympischen Spielen in Pyeongchang wieder in der Münchner Heimat angekommen. Gibt es schon einen Medaillen-Tourismus?
CLARA KLUG:
Meine Eltern und meine Schwester waren ja vor Ort dabei, in München haben mich meine Großeltern, meine Tante und viele Freunde in Empfang genommen. Denen musste ich die Medaille gleich zeigen. Aber der Alltag hat einen schneller wieder, als einem lieb ist. Am Dienstag war ich wieder an der Uni. Ich musste mich auch ein bisschen erholen, ich habe mir in Pyeonchang eine ziemliche Erkältung eingefangen. Der Klassiker, man hat alles hinter sich, dann sagt einem der Körper: Jetzt brauche ich eine Pause.

Also waren Sie bei der Abschlussfeier, bei der Sie die Ehre hatten, als deutsche Fahnenträger zu fungieren, richtig angeschlagen?
Ja, aber ich habe es trotzdem sehr genossen. Die Bronzmedaillen, die Ehre als Fahnenträger einzulaufen, sind für mich drei absolute Highligts, die alle einen vergleichbaren Stellenwert haben.

Wie war der Moment, als Ihnen eröffnet wurde, dass Sie Fahnenträgerin sein werden?
Unglaublich. Als mein Biathlon-Guide Martin Härtl und ich darüber informiert wurden, habe ich auf dem Stuhl einen Freudentanz aufgeführt. Ich war sprachlos, Martin konnte es kaum glauben, so sprachlos hat er mich boch nie erlebt.

Paralympics: Sehbehinderte als Fahnenträgerin

Entschuldigen Sie die wahrscheinlich dumme Frage, aber wie erlebt eine Athletin, die wie Sie schwerst sehbehindert ist, so eine Abschlussfeier?
Die Frage ist nicht dumm. Es war im Innenraum so laut von der Musik her, dass ich die Zuschauer, die Anfeuerungen des Publikums, gar nicht richtig wahrnehmen konnte, das kam erst hinterher. Das Tragen der Fahne war für mich in dem Moment eher schwierig als schön. Es war so böig, ich wollte die Fahne auf keinen Fall fallen lassen, wollte nicht in die falsche Richtung laufen. Man kann das vorher nicht groß üben, daher war das eine große Anspannung, aber es war auch wunderschön.

Eigentlich gingen die Spiele für Sie gar nicht gut los, beim ersten Rennen stürzten Sie.
Es ging alles falsch, war falsch gehen konnte. Von der Vorbereitung bis zum Wettkampf. Als Martin und ich ins Ziel kamen, haben wir nur die Ski abgeschnallt und gelacht. Wir wussten: Schlechter kann es nicht mehr werden.

Und dann kam die erste Bronzene.
Es ging um Platz drei. Ich wusste, es wurde eng. Die Wetterbedingungen waren hart. Dieser Wind! Ich habe überlegt, aufzuhören, weil man nicht weiterkam. Als ich im Ziel war, konnte ich es gar nicht fassen. Ich habe, glaube ich, im Zwei-Minuten-Takt jeden Servicemann in meiner Nähe gefragt, ob es stimmt, dass ich Bronze habe. Ich war mir erst sicher, als die Medaillenzeremonie vorbei war. Davor habe ich gezweifelt. Vielleicht haben die falsch gemessen, vielleicht werde ich – warum auch immer – disqualifiziert. Aber als ich die Medaille in der Hand hatte, war mir klar: Es stimmt. Und dann habe ich sie ganz fest in der Hand gehalten und es einfach genossen.

Wie weit ist Deutschland beim Thema Inklusion? Ihre Kollegin Anna Schaffelhuber hat 2014 gesagt: "Ich komme mit fünf Goldmedaille nach Hause. Aber daheim sind die Probleme die gleichen, ich komme mit dem Rollstuhl nicht in den Postladen."
Es hat sich viel getan in den Köpfen. Früher haben die Leute ja gedacht, dass jeder, der mit dem Blindenstock unterwegs ist, auch geistig behindert ist. Das ist heute anders. Insgesamt geht es eigentlich nur darum, miteinander achtsam umzugehen. Das ist bei Menschen mit Behinderung nicht anders als bei einer Frau mit Kinderwagen, oder jemanden, der drei Koffer dabei hat. Die sind beim Einsteigen in einen Zug genauso behindert wie ich.

Was wünschen Sie sich an Veränderungen?
Wir haben immer noch viele Probleme. In Müchen etwa mit S- und U-Bahnen. An den Bahnsteigen gibt es faktisch keine Sicherheit für Sehbehinderte. Erst kürzlich ist wieder ein Mensch mit Behinderung dort zu Tode gekommen. Aber auch im Olympischen Dorf war es so, dass ich nicht einen Schritt ohne Begleitung gemacht habe. Es ist ein unbekannter Ort, an dem sich dauernd etwas ändert, das ist für Sehbehinderte schwierig. Das nervt auch. Die Rollstuhlfahrer waren begeistert, weil fast alles barrierefrei war, aber für Sehbehinderte war es schwierig.

Clara Klug: Alltag als Blinde

Wie schwierig ist der Alltag zu meistern?
Gerade am Dienstag bin ich wieder der Länge nach hingefallen. Da war so eine mobile Baustelle und ich bin am Sockel gestolpert. Ich lag da und habe mir gesagt: "Spätestens jetzt bist du wieder geerdet." Wobei ich mir da eh keine Sorgen mache. Aber ich lag da, auch das ist Alltag.

Eine Sehbehinderte erklärte mir einmal, dass ein Vorteil der Blindheit sei, dass man niemanden wegen der Hautfarbe oder Äußerlichkeiten diskriminieren kann.
Ein schöner Satz, eine schöne Vorstellung. Klar, fallen bei mir die Vorurteile aufgrund von visuellen Reizen weg. Aber wenn einer ein ganz unangenehme Art zu reden hat – und die gibt es –, dann kann einer noch so intelligent sein, dann sage ich mir auch, was bist denn du für ein Gesichtskrapfen? Also frei von Vorurteilen sind wir leider auch nicht. (lacht)

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null