Sicherheits-Experte im Interview Krim-Krise: Russland ist zum Äußersten bereit

Wladimir Putin sorgte am Dienstag mit einem denkwürdigen Macho-Auftritt für Aufsehen. Foto: dpa

Droht die Krise auf der Krim zu eskalieren? Carlo Masala, Sicherheits-Experte der Bundeswehr-Uni, erklärt im AZ-Interview, warum Putin sich nichts sagen lässt.

 

AZ: Herr Masala, ist es eine gute Idee, dass die USA alle Militärbeziehungen zu Russland abgebrochen haben?

CARLO MASALA: In so einer Situation sollte man nicht alle Kontakte zu Russland abbrechen. Sondern sie nutzen, um auf Russland einzuwirken. Auch wenn das nur sehr schwer möglich ist. Die Militärbeziehung zu Russland abzubrechen ist kein schwerer Schlag. Es zeigt letzten Endes auch die Hilflosigkeit der USA, mit dieser Krise umzugehen.

Warum lässt sich Putin überhaupt nichts mehr sagen?

Weil der Westen wenig Instrumente hat, auf Russland einzuwirken. Ökonomische Sanktionen werden die Russen nicht sonderlich hart treffen. Isolation stärkt nur das russische Gefühl, ohnehin ausgeschlossen zu sein. Es gibt schon seit Jahrzehnten in Russland den Eindruck, dass die USA, die Nato und die EU russische Bedenken über ihre eigene Sicherheit komplett ignorieren.

Wieso würden wirtschaftliche Sanktionen Russland nicht treffen? Immerhin ist der russische Leitindex am Montag um mehr als zehn Prozent abgestürzt.

Russlands Wirtschaft basiert auf Gas. Es ist kaum möglich, auf dieses Gas zu verzichten. Die Länder, die dafür den Weltmarktpreis zahlen – auch Deutschland – sind im Energiesektor nicht genügend diversifiziert, um auf russische Gaslieferungen zu verzichten. Der Absturz an der Börse trifft nur die Oligarchen.

Könnte es nicht sein, dass die Druck machen auf Putin?

Erstens haben die Oligarchen ihr Vermögen so diversifiziert, dass sie immer Wege finden, an ihr Geld zu kommen. Zweitens hat sich unter Putin das Verhältnis zwischen Politik und Oligarchen verändert. Unter Jelzin hatten die Oligarchen die Politik fest im Griff. Jetzt ist es so, dass die Oligarchen vom Gutdünken der russischen Regierung leben. Wenn sie in Ungnade fallen, sitzen sie schneller im Gefängnis, als sie gucken können. Und in der Krim-Frage ist Russland bereit, bis zum Äußersten zu gehen.

Also im schlimmsten Fall zur militärischen Eskalation?

Ja. Es geht formal um russische Bürger in der Ukraine, es geht um russische strategische Interessen am Schwarzen Meer. Das alles könnte Putin dazu verleiten, eine militärische Konfrontation mit der Ukraine anzustreben.

Und dann? Guckt die Nato einfach zu?

Der Nato wird nicht viel anderes übrigbleiben. Wenn sich die Nato auf einen militärischen Konflikt mit den Russen einlässt, stehen wir sofort am Rande eines möglichen Nuklear-Kriegs. Daran hat kein Mensch ein Interesse. Deshalb ist ja auch die amerikanische Regierung so zurückhaltend.

Wie kommt man da raus?

Es ist schwer vorzustellen, dass es eine Lösung gibt, mit der beide Seiten leben können. Ich halte es für wahrscheinlich, dass sich die Krim im Referendum für eine Abspaltung aussprechen und dass man dies dann als „Fait accompli“, also als vollendete Tatsache, hinnehmen wird. Wir werden also in Europa eine weitere Region haben wie Ossetien, Abchasien und Transnistrien. Das ist sicher nicht im Interesse der Regierung in Kiew, aber am Ende entscheidet die Frage: Wer ist mächtiger? Und das ist Putin.

War es ein Fehler, dass die EU die Ukraine praktisch vor die Wahl gestellt hat – zu uns oder nach Russland?

Die EU hat sich bitterböse beschwert über die russische Einflussnahme auf die Ukraine – letzten Endes hat sie nichts anderes gemacht. Sie hat versucht, die Ukraine mit umfangreichen Hilfspaketen in ihr Lager zu locken. Für Russland war die ukrainische Annäherung an die EU letztlich nicht der entscheidende Punkt. Es war eher die Vorstellung, dass die Ukraine unter einer prowestlichen Führung Nato-Mitglied werden könnte. Dass sich die Nato ausdehnt bis an die russische Grenze, das konnte man in Moskau nicht akzeptieren.

Der 45-jährige Politologe Carlo Masala ist Professor für Internationale Politik an der Bundeswehr-Uni München.

 

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