AZ-Serie "Rechtsradikalismus in München" Die Nachkriegsjahre: 350 Altnazis im Hackerkeller

Der Rechtsradikalismus in München hat eine lange Geschichte - AZ beleuchtet sie. Foto: Ullstein/AZ

In einer neuen Serie wirft Reporterlegende Karl Stankiewitz einen Blick auf die Geschichte rechter Umtriebe in München. In Folge 1 geht es um den "Reichsparteitag" 1958 in München und die Gründung der NPD.

 

München - An seinem 30. Geburtstag musste der Reporter eine Sumpfblüte aus dem "braunen München" präsentieren. Dergleichen Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus gab es viele, faschistische Rattenfänger und Gewalttaten nicht minder. An einige soll in dieser Serie erinnert werden – auch als Mahnung aus aktuellem Anlass.

München ist nicht Chemnitz, aber trotz seiner jüngsten Geschichte keinesfalls immun gegen das Virus des faschistischen Wahns. Schon 1941 warnte der Flüchtling Bertolt Brecht: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Vor 60 Jahren war Bayerns Hauptstadt nahe daran, erneut – wie 1935 – von einem hier groß gewordenen Führer bestimmt zur "Hauptstadt der Bewegung" zu werden.

Zehntausende junge Bayern sind 1958 in Nazi-Bünden aktiv

Im Oktober 1958 brodelte im Milieu der Münchner Bierkeller – jenem Schoß, aus dem 40 Jahre zuvor die Vorläufer-NSDAP kroch – die braune Maische einer rechtsextremen, bundesweit operierenden Sammlungsbewegung. Sie war Produkt verschiedener Bünde und firmierte als "Deutsche Reichspartei", DRP. 350 alte Ober-Nazis konnte die in Norddeutschland residierende Führung zu einem "Reichsparteitag" nach München trommeln.


Landtagswahl 1958 in Bayern – hier Wahlplakate am Marienplatz. Fotos: Ullstein

Und da gerieten diese Delegierten, obwohl die Zapfhähne beim Hacker vorsorglich zu blieben, in einen nationalistischen Rausch. Schwarz-weiß-rote Fahnen, sturmzerfetzte Kampfbanner, dröhnende Märsche und markige Reden taten das ihre.

Man werde in Zukunft mit dieser Partei rechnen müssen, sie verkörpere den organisierten Lebenswillen des deutschen Volkes, verkündete Parteiführer Wilhelm Mainberg, SS-General und stellvertretender Reichsbauernführer a. D.

Immerhin verfügte diese DRP bereits über 18.500 eingeschriebene Mitglieder, sieben Sitze im Landtag von Niedersachsen, 200 Mandate in Kreistagen und 500 in Gemeinden.

Hans-Ulrich Rudel diente vielen Diktatoren als Waffenhändler

Über eine Listenverbindung war sie bis 1953 sogar im Bundestag vertreten. Um nun den Wahlkampf auch in Bayern zu finanzieren, verkaufte man mit Edelweiß geschmückte Abzeichen sowie Bücher des "Schlachtfliegers" Hans-Ulrich Rudel, der eine Grußbotschaft aus Argentinien sandte. 1953 war der Mann, dem Hitler als höchste Tapferkeitsauszeichnung das Ritterkreuz mit Brillanten verliehen hat, in Abwesenheit und erfolglos als Spitzenkandidat der DRP angetreten.


Adolf Hitler bei einer Besprechung an der Oderfront – rechts hinter ihm Oberst Hans-Ulrich Rudel.

Schon 1949 hatte ich über die Schleusung von Prominenten des Dritten Reiches nach Spanien, Südamerika und Nahost recherchiert. Unterstützt wurde die "Operation Odessa" von einem ungarischen Bischof im Vatikan. Informationen bekam ich von Experten zum Thema Waffen-SS-Division Brandenburg, die mit der Auslandsabwehr beauftragt gewesen war.

Meine Reportage erschien am 3. Dezember 1949 in der Abendzeitung unter der rot gedruckten Schlagzeile: "Menschenschmuggel-Zentrale München". Details bestätigte später der "Stern" in Hamburg, wo ich der Geschichte weiter nachging. Rudel diente in Buenos Aires diversen Diktatoren als Waffenhändler. Außerdem betrieb er ein einflussreiches "Kameradenwerk" für die "zwangsdemokratisierte" Heimatfront. Sein Einfluss war groß.

Der Wahlausgang: nur 0,6 Prozent für die Reichspartei

In ihrem Münchner Parteiprogramm nun träumte Oberst Rudels letztes Aufgebot von einem "Vierten Reich", das ein "Reichsrat" regieren solle.


Mann mit Einfluss: Rudel als Redner auf einer Versammlung der Deutschen Reichspartei.

Die Machtübernahme schien den Kameraden unter drei Umständen machbar: einer Wirtschaftskrise, dem Abgang des alt gewordenen Bundeskanzlers Konrad Adenauer – und: der (überraschenden) Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Vorerst aber, so mäkelten Gemäßigtere, kämen die Ideen der Reichspartei bei der "satten, müden Bürgerlichkeit" wohl nicht an. Tatsächlich bekamen die verschworenen Senior-Nazis bei den Landtagswahlen in Bayerns nur 0,6 Prozent der Stimmen. Ihre Aktivitäten aber dauerten noch eine Weile an.

So wurden einige der neu eröffneten Synagogen mit antisemitischen Sprüchen beschmiert und weiterhin Parolen verbreitet zur Wiederherstellung eines völkisch-homogenen Reiches in den "Mindestgrenzen" von 1937. Chefideologe Bernhard von Grünberg, letzter NS-Rektor der Uni Königsberg, hatte schon vor dem Krieg den gesamten Westen der Sowjetunion für das Deutsche Reich eingefordert.

"Werden braune Hemden wieder salonfähig?"

Angesichts ausbleibender Wahlerfolge fusionierte die neue Nazi-Partei 1959 mit den Trümmern von drei anderen Rechtsparteien zur Nationaldemokratischen Partei Deutschlands – der heute noch existierenden und mit der AfD konkurrierenden NPD.

Zeitgleich kroch in München eine neue Nazi-Generation aus dem Schoß der alten. "Werden braune Hemden wieder salonfähig?" So betitelte 1958 der Bayerische Jugendring einen Bericht, wonach 20.000 bis 30.000 zwölf- bis sechzehnjährige Buben und Mädchen in Bayern – Schwerpunkt München – in rechtsextremen Bünden nach dem Vorbild der Hitler-Jugend organisiert waren. Ihre Aktivitäten reichten vom Absingen patriotischer Lieder bis zum "Einsatz an der inneren Front".

Besonders einflussreich war die 1952 gegründete "Wiking-Jugend", aus der radikalste NPD-Kader hervorgingen. Zu den rund 500 Mitgliedern gehörte auch Gundolf Köhler, der 1980 den schrecklichen Oktoberfestanschlag verübte – ob allein oder mit Gesinnungsgenossen, das steht immer noch in Frage.


1982: Hitlergruß und "Heil Hitler"-Rufe bei der Beerdigung von Rudel.

In Folge 2 lesen Sie: Faschisten in aller Länder

 

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