Sechs krasse Fälle Mieter-Albtraum Modernisierung: der legale Wahnsinn

Die Thalkirchner Straße 80 steht zum Verkauf. Leer sind schon 16 der 27 Wohnungen. Tilman Scheichs (kl. Foto) Miete hat sich mehr als verdoppelt. Foto: Daniel von Loeper, Mieterverein

Auch in Zukunft soll es Vermietern erlaubt sein, die Kosten auf die Bewohner umzulegen. Dabei zeigen aktuelle Beispiele aus München, wie dramatisch die Folgen oft sind.

 

München - Elf Prozent der Modernisierungskosten dürfen Vermieter bisher pro Jahr den Mieter ihrer Wohnung bezahlen lassen. Künftig sollen "nur" noch acht Prozent erlaubt sein. Darauf haben sich Union und SPD bei den Koalitionsverhandlungen geeinigt. Ob diese Einschränkung genügt, um die Mieter am Wahnsinns-Wohnmarkt München zu schützen?

Der Mieterverein glaubt das nicht. Er fordert, die Modernisierungsumlage ganz abzuschaffen – und präsentierte gestern drastische Beispiele, die zeigen, welch dramatische Folgen die Umlage für Münchner Mieter zuletzt hatte.

Die Miete mal eben ganz legal verdoppelt

Zum Beispiel Tilman Scheich. Der 47-Jährige wohnt in einem klassischen Münchner Mietshaus an der Thalkirchner Straße. Ein Altbau, Vordergebäude, Hinterhaus. Insgesamt 27 Parteien. Bisher zahlte der Designer 675 Euro warm für seine 69-Quadratmeter-Wohnung. Nun soll sich seine Miete – ganz legal – mehr als verdoppeln.

"Ich soll nach der Modernisierung 821 Euro mehr zahlen", sagt Schaich. Und erzählt eine klassische Münchner Geschichte. Das Haus sei von einem Investor gekauft und inzwischen schon wieder weiterverkauft worden. Bei manchen seiner Nachbarn habe sich die Miete verdreifacht, sagt Schaich. "Das hieße für viele von uns, dass sie ausziehen müssen", sagt er. "Manche leben 30 Jahre in dem Haus."

Mieterverein München: Dahinter steckt System

Und viele sind offenbar schon ausgezogen. Darauf zumindest deutet das Verkaufsangebot hin, das im Internet zu finden ist. Denn der letzte Käufer sucht schon wieder einen Käufer. Preis: 23,8 Millionen Euro. "Aktuell stehen 16 Wohnungen leer und können sofort renoviert und bei Wunsch auch einzeln verkauft werden", lockt der Anbieter. Es handele sich um eine "besonders gute Kapitalanlage".

Für den Mieterverein ist es kein Einzelfall, dass über sehr hohe Modernisierungsumlagen letztlich die Bewohner verdrängt werden, um die Wohnungen teuer zu verkaufen. Mit der Rechtsberatung könne man Mietern wie Tilman Schaich aber nur sehr begrenzt helfen, sagte Mieterverein-Chefin Beatrix Zurek am Montag. "Wir können die geforderten Mieterhöhungen oft senken, weil nicht alles, was verlangt wird, rechtens ist", sagte sie. Das Grundproblem aber sei das Gesetz, das Entmietung auf diesem Weg überhaupt erst möglich mache.

Der Mieterverein berät nach eigenen Angaben derzeit "tausende" Münchner wegen Modernisierungen. Zurek rechnet vor: Elf Prozent der Kosten über die Miete pro Jahr bedeutet, dass der Mieter nach neun Jahren 99 Prozent der Modernisierung bezahlt hat – und übrigens auch danach die erhöhte Miete weiterzahlt.

Viele Betroffene können die Mieten nicht mehr bezahlen

Zumindest theoretisch. Denn in vielen Fällen ziehen die Mieter aus, weil sie die Erhöhung eben nicht bezahlen können. Viele Mieter würden schon nach ersten Modernisierungs-Ankündigungen ausziehen, sagt Zurek. "Sinn und Zweck, überhaupt zu modernisieren, ist in vielen Fällen schlicht, die alten Mieter loszuwerden."

Vertreter der Hausbesitzer bestreiten das, sprechen nur von Einzelfällen. Rudolf Stürzer vom Verein "Haus und Grund" sagte am Montag im Gespräch mit der AZ, die Modernisierungsumlage habe "in der Praxis nur wenig Bedeutung". Die allermeisten Vermieter seien dazu übergegangen, erst zu sanieren, wenn die Mieter ausgezogen seien.

Tilmann Schaich will nicht ausziehen, sondern weiter kämpfen. "Wir kommen uns vor wie ein kleines gallisches Dorf", sagt er. "Aber wir wollen hier wohnen bleiben."


 Modernisierungs-Wahnsinn: aktuelle Beispiele aus München

Schwabing:

Wohnfläche: 112 qm
Geplante Maßnahmen: neue Heizanlage, neue Fenster, neue Elektroleitungen, energetische Sanierung der Fassade, energetische Sanierung Dach, neue Balkone, Einbau eines Aufzugs, neue Außenanlagen.
Miete alt: 564 Euro
Modernisierungszuschlag: 1545 Euro
Miete neu: 2109 Euro
Erhöhung um: 273 Prozent

Untergiesing:

Wohnfläche: 50,21 qm
Geplante Maßnahmen: neue Heizanlage, neue Elektroleitungen, Dämmung der Außenwand, neue Bäder, neue Böden, Türen, Sanierung des Treppenhauses, Ausbau des Dachgeschosses
Miete alt: 298 Euro
Modernisierungszuschlag: 374 Euro
Miete neu: 672 Euro
Erhöhung um: 125 Prozent

Haidhausen:

Wohnfläche: 60 qm
Geplante Maßnahmen: Dämmung der Fassade, neue Fenster, neue Heizanlage, neue Bäder, neue Elektroleitungen.
Miete alt: 810 Euro
Modernisierungszuschlag: 957 Euro
Miete neu: 1767 Euro
Erhöhung um: 118 Prozent

Großhadern:

Wohnfläche: 58 qm
Geplante Maßnahmen:
Dämmung der Fassade, neue Fenster, neue Wohnungstüren
Miete alt: 308 Euro
Modernisierungszuschlag: 133 Euro
Miete neu: 441 Euro
Erhöhung um: 43 Prozent

Neuhausen:

Wohnfläche: 142 qm
Geplante Maßnahmen: Einbau eines Aufzuges, Dämmung der Fassade, neue Fenster, neue Rollos, neue Wohnungstüren, neue Balkone
Miete alt: 916 Euro
Modernisierungszuschlag: 1347 Euro
Miete neu: 2263 Euro
Erhöhung um: 147 Prozent

Isarvorstadt:

Wohnfläche: 69 qm
Geplante Maßnahmen: Kellersanierung, Aufzug, Dachsanierung, zusätzliche Balkone, Eletroinstallationen, Treppenhaussanierung
Miete alt: 575 Euro
Modernisierungszuschlag: 821 Euro
Miete neu: 1396
Erhöhung um: 142 Prozent

 

43 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading