Schwulenzentrum Sub So steigt die homophobe Gewalt in München

Gregor P. war 2017 betroffen von homophober Gewalt. Foto: Sigi Müller

Das Schwulenzentrum Sub beklagt einen Anstieg homophober Gewalt in der Stadt. Das Anti-Gewalt-Projekt des Sub berät Betroffene, will sie auch dazu ermutigen, zur Polizei zu gehen.

München - Als er den Aufprall der fremden Spucke in seinem Gesicht spürt, da setzt auch bei Gregor P. das rationale Denken aus: Er spuckt zurück. "Dann hatte ich auch sofort die Faust auf dem Auge", erinnert sich Gregor P.

Er knallt mit Wucht nach hinten, stößt mit dem Kopf gegen einen Stromverteilerkasten. Das Jochbein unterm Auge ist so zertrümmert, dass es mit einer Titanplatte geflickt werden muss. Ob sie etwa "Scheiß-Schwuchteln" seien – mit dieser Frage beginnt die Auseinandersetzung, als Gregor P. im Mai 2017 in der Nacht seines 30. Geburtstages mit zwei Freunden im Glockenbachviertel unterwegs ist.

Das befreundete Paar hält Händchen – und drei junge Männer stört das offenbar. Ob seine Homosexualität ein Problem für sie sei, fragt P. zurück. Dann kommt die Spucke, die Faust, der Blackout, das Krankenhaus. Die Polizisten, bei denen Gregor P. den Angriff meldet, sind "sehr unterkühlt" zu ihm, erzählt er, verhalten sich "unbeholfen", hören nicht richtig zu. "Ich habe mich unwohl gefühlt und beschämt." 

Attacke auf Gregor P.: Angreifer nie gefasst

Erst, als der Fall nicht mehr als Prügelei von Betrunkenen eingestuft wird, sondern als "politisch motivierte Kriminalität", und die Sonderkommission vom Staatsschutz übernimmt, wird es besser. Der Angreifer wird trotzdem nie gefasst, das Verfahren eingestellt.

Es sind zwei Probleme in einem: Im vergangenen Jahr erfuhr das Schwulenzentrum Sub von 38 Gewalttaten gegen Schwule außerhalb der Familie – 2016 waren es 22. "Und das wird nur die sehr kleine Spitze des Eisbergs sein", sagt Christopher Knoll, Leiter der Sub-Beratungsstelle.

Konkrete Zahlen kenne man nicht – auch, weil die Mehrzahl der Taten nicht angezeigt wird: "Wir konnten von den 38 Betroffenen nur zwei dazu bringen, das bei der Polizei zu melden", sagt Knoll. Die Gründe sind vielfältig: "Scham, Angst vorm Umgang der Polizei mit sich, vor Stigmatisierung, Sorge, geoutet zu werden, Hoffnungslosigkeit, ob eine Anzeige überhaupt etwas nützt."

Gewalt wird durch homophobe Gruppen befeuert

Das Anti-Gewalt-Projekt des Sub, das Betroffene berät, will sie auch dazu ermutigen, zur Polizei zu gehen. Auch, damit sie der Politik konkrete Zahlen zum Problem vorlegen kann. "Ich hätte vor zehn Jahren nie gedacht, dass so eine Strömung von vorurteilsmotivierter Gewalt je wieder möglich ist", sagt Knoll. Nun sei sie aber wieder da, unter anderem befeuert durch offen homophobe Gruppen, wie in der AfD.

Gregor P. hat der Zwischenfall 2017 verändert. "Ich schaue jetzt immer rechts und links, bevor ich in der Stadt Freunde umarme", sagt er, "ob da jemand ist, der gefährlich sein könnte." Dabei scannt er nach Gesten und Blicken, die Ärger vermuten lassen – nicht nach Aussehen. Denn die Angreifer waren "ganz normale Typen". Und dass das bei Gewalt oft so ist, muss ein Großteil der Gesellschaft noch lernen.

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