Schwedischer Möbel-Gigant Ivar und Billy statt Eiche rustikal: 40 Jahre Ikea Deutschland

Das Foto zeigt die erste in Deutschland eröffnete Ikea-Filiale in Eching bei München im Jahr 1974. Foto: dpa

Nordisches Design für den Massengeschmack: Ikea ist eine feste Größe im globalen Möbelgeschäft geworden. Vor 40 Jahren starteten die Schweden in Deutschland und stellten die Branche auf den Kopf. Zum Geburtstag sorgt Ikea mit seinem neuen Umtauschrecht für Wirbel.

 

München – In jeder langjährigen Beziehung gibt es Höhen und Tiefen - so ist es auch mit dem Möbelgiganten Ikea und seinen deutschen Kunden. Vor vier Jahrzehnten mischte die schwedische Kette den deutschen Möbelmarkt mit der Eröffnung einer ersten Filiale in Eching bei München auf. Do-It-Yourself statt Lieferung frei Haus - für die Branche war das eine Revolution, die manch ungeübten Schrauber vor schwierige Aufgaben stellte. Heute prägen Rekordumsätze und ehrgeizige Wachstumsziele, aber auch Probleme mit der Suche nach neuen Standorten und die wachsende Konkurrenz mit Onlinehändlern das Geschäft.

Derzeit sorgt Ikea ausgerechnet mit einem lebenslangen Treueschwur für eine kleine Beziehungskrise: Im August hatte das Möbelhaus den Kunden in Deutschland unter großer Beachtung ein lebenslanges Umtauschrecht für die Produkte angekündigt. Das klang erstmal gut: Wenn der Sessel nach jahrelangem Gebrauch durchgesessen ist und die Farbe nicht mehr gefällt, bringt man ihn einfach zurück und bekommt sein Geld wieder? Ganz so einfach ist es aber nicht: Am Dienstag ruderte Deutschland-Chef Peter Betzel zurück und schränkte ein, dass das Versprechen nicht für alte, abgenutzte Möbel gilt. "Da geht es auch um gesunden Menschenverstand." Wer 15 Jahre mit seiner Küche glücklich sei, könne diese danach nicht einfach umtauschen: "Das Geschäftsmodell hält auch Ikea nicht aus." Nun wird es wohl Auslegungssache, was Ikea zurücknimmt und was nicht.

Auf 48 Filialen und rund 100 Millionen Besucher jährlich kommt Ikea mittlerweile in seinem wichtigsten Einzelmarkt Deutschland. Zuletzt kam mit Hamburg-Altona der erste Innenstadt-Standort dazu, als nächstes sollen Häuser in Bremerhaven und Kaiserslautern folgen. Insgesamt sollen in den nächsten Jahren 20 neue Ikea-Filialen dazu kommen. "Das ist super-realistisch", sagt Betzel.

Schon der Deutschland-Start am 17. Oktober 1974 in Eching habe für einen regelrechten Ansturm gesorgt, sagt eine Unternehmenssprecherin. Von Anfang an mit im Sortiment: Das Holzregal Ivar, dessen nordisch-schlichte Optik die Kunden damals in Erstaunen versetzte. Schrankwände und Eckbänke in Eiche rustikal, mit denen man es sich bis dahin in deutschen Wohnzimmern und Küchen gemütlich gemacht hatte, suchten sie in dem neuen Möbelhaus vergeblich. Auch deshalb dürften sich von Anfang an vor allem junge Leute und Familien von Ikea angesprochen gefühlt haben, die bis heute als Kernzielgruppe des Unternehmens gelten. Umsatzschlager Nummer eins sind aber nicht Möbel: Früher waren es Teelichter, inzwischen das Glas "Pokal", das sich im vergangenen Geschäftsjahr 4,9 Millionen mal verkaufte.

In der Branche sorgte die massive Expansion der Schweden, die auch in Niedriglohnländern fertigen lassen, für einige Unruhe. Zudem standen die Arbeitsbedingungen zeitweise in der Kritik. Die Gewerkschaft Verdi sieht aber durchaus Fortschritte bei dem Branchenprimus: Dass die Schweden seit einigen Jahren tarifgebunden sind und Betriebsräte in jedem Einrichtungshaus sowie einen Gesamtbetriebsrat haben, sei "gerade im Möbelsektor die gute Ausnahme", lobt der Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel von Verdi, Ulrich Dalibor. Luft nach oben gebe es dennoch: Der Gewerkschafter beklagt einen stetigen Personalkostendruck, der in befristete Arbeitsverhältnisse und Teilzeitverträge münde, mit denen die betroffenen Beschäftigten häufig nicht über die Runden kämen. "Das sehen die Betriebsräte mit großer Sorge", sagt Dalibor.

Geschäftlich können solche Stimmen Ikea kaum etwas anhaben. Mittlerweile steuern die deutschen Kunden knapp vier Milliarden Euro zum Konzernumsatz bei, die Erlöse hierzulande sollen sich in den nächsten Jahren in etwa verdoppeln. Allerdings könnte das Wachstum angesichts der Standortdichte auch an Grenzen stoßen. "Es wird eng", sagt ein Branchenkenner. Das Unternehmen müsse aufpassen, dass sich die einzelnen Ikea-Häuser nicht gegenseitig kannibalisieren. Eine der wenigen Niederlagen erlebte das erfolgsverwöhnte Unternehmen 2012, als die Ikea-Fertighäuser - in Skandinavien und Großbritannien durchaus beliebt - auf dem deutschen Markt floppten.

Die vielen Klischees - Familienkrach beim Ikea-Einkauf, schwedisches Einerlei in Studentenbuden, Bastlerfrust beim Aufbau von Schrank Pax oder Küche Faktum - trägt das gelb-blaue Möbelhaus mit Fassung. Es gebe eben viele Menschen, die sich für Ikea interessieren, sagt die Sprecherin. Dass das stimmt, zeigt auch ein Blick in soziale Netzwerke wie Twitter: Fast sekündlich meldet sich dort irgendwer aus der weiten Welt mit seinen ganz persönlichen Ikea-Erfahrungen zu Wort. Auch die Einschränkungen beim lebenslangen Umtauschrecht wurden dort umgehend kommentiert. Ein Kunde wünscht sich vor allem Klarheit: "Ein lebenslanges Rückgaberecht ist doch keine große Sache. Man muss nur deutlich sagen, was man unter lebenslang versteht."

 

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