Schweden Gar nicht mörderisch

Sandhamn - Schon beim Anflug auf Stockholm ist der Blick gigantisch: Dort, ganz unten in der glitzernden Ostsee, erstreckt sich der Stockholmer Schärengarten, eine Ansammlung von etwa 30 000 Inseln, Schären und Felsen etwa 80 Kilometer östlich der schwedischen Hauptstadt. Viele ähneln felsigen Außenposten oder grasbewachsenen Kuppen, auf denen sich glänzende Seehunde in der Sonne aalen und atemlose Kajakfahrer eine Pause einlegen. Absolute Stille und unberührte Natur prägen diese kleinen Inselchen, während andere für ihre mondänen Villen bekannt sind, deren Besitzer reiche Stockholmer sind.

Zu einer der bekanntesten Schärengarten-Inseln gehört Sandhamn, etwa eine Fährstunde vom Stockholmer Fährhafen Stavsnäs entfernt. Einst bestand ihr Untergrund aus Sand, doch nachdem in einer dunklen Nacht des Jahres 1928 ein gewaltiger Sandsturm über Sandhamn hinweggefegt war, fürchteten die Bewohner das Schlimmste und pflanzten kurzerhand Palmen, Bäume und Sträucher ein. Seit damals ist nicht nur die Gefahr gebannt, sondern die Insel verfügt nun auch über ein lauschiges, von kleinen Wegen durchzogenes Wäldchen. Während die Schweden diese Insel schon seit Generationen lieben, kennen Deutsche sie seit einigen Jahren vor allem aus den Kriminalromanen von Viveca Sten. Seit 2008 schreibt die 54-Jährige ihre Krimis um Kommissar Thomas Andreasson, die auf dem drei Kilometer langen und halb so breiten Eiland spielen.

Gerade einmal etwa 100 Menschen leben hier

Ihre Hauptfigur ist ein sympathischer Mittdreißiger mit funktionierenden Sozialkontakten. Und in noch einem anderen Punkt unterscheiden sich ihre Bücher von denen ihrer skandinavischen Kollegen: „Bei mir fließt nicht so viel Blut“, sagt die Autorin. Ihre Leichen sind nicht gar so übel zugerichtet, der Grusel-Faktor ist nicht gar so immens. Und eigentlich ist auf Sandhamn auch eher die heile Welt zu Hause. Vor allem außerhalb des Sommers zeigt sich die Insel von einer Seite, wie sie nur wenige Menschen kennen: ruhig und besonnen, leise und romantisch, aber vor allem: leer. Gerade einmal etwa 100 Menschen leben hier, im Sommer sind es 3000 in ihren Ferienhäuschen, dazu kommen während des Sommers etwa 150 000 Tagestouristen.

„Wenn die Fähre diese vielen Menschen ausspuckt, denkt man manchmal, die Insel müsste versinken“, sagt Viveca Sten. Doch sie tut es natürlich nicht, und so erleben die Besucher auf Sandhamn im Sommer eine Welt voller Segelboote, voll schwedischer Lebensfreude, voller Begeisterung für Wasser, voller Leben und Musik - und hin und wieder auch voller Party. Vor allem an Mittsommer ist die Insel voll und laut. Ein Sonnenbad nimmt man am feinsandigen Strand Trouville, und wer die Ruhe sucht, findet sie hier durchaus. Bei einem Inselrundgang kommt man am kleinen Kirchlein und am Friedhof vorbei, an einsamen Strandabschnitten und windumtosten Dünen. Dort, ganz oben auf einem der höchsten Punkte der Insel, steht auch ein imposantes Haus, das als Vorlage für die Brand’sche Villa in Viveca Stens Büchern diente. „Die Bewohner erzählen mir oft, dass Besucher an der Tür klingeln und fragen, ob sie das Haus von innen sehen dürften“, sagt sie.

Das naturschöne Sandhamn

Ob sich die Insulaner über den ganzen Trubel um die Schriftstellerin überhaupt freuen? „Ja, sie sind mir sogar dankbar. Denn zum einen brauchen wir den Tourismus, zum anderen hoffen wir, dadurch noch mehr feste Bewohner nach Sandhamn zu holen. Arbeit gibt es auch im Winter genug.“ Weil sich aber kaum jemand ein Haus leisten kann, werden derzeit 30 bezahlbare Mietwohnungen für künftige Inselbewohner gebaut, in Kürze sind die ersten bezugsfertig. Wer hierherzieht, der findet nicht nur Arbeit und eine intakte Dorfgemeinschaft, sondern auch kleine Pfade, die sich zwischen den roten Häuschen hindurchschlängeln, eine Bäckerei, aus der es verführerisch nach Zimtschnecken duftet, das Värdshus, in dem man sich zum Essen und Trinken trifft, und viel Platz.

Und man findet hier vor allem eines: Wasser. Denn der Schriftsteller August Strindberg, der zeitweise hier lebte, hatte durchaus recht, als er schon im Jahr 1873 schrieb: „Das naturschöne Sandhamn ist an drei Seiten von Wasser umgeben und an der vierten vom Meer.“

 

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