Schwabinger Schaumschläger feiern Jubiläum "So lange, wie die Leber mitspielt"

Stehen immer sonntags als "Schwabinger Schaumschläger" auf der Bühne: Michi Sailer, Christoph Theussl und Moses Wolff (v.l.). Foto: Arnd Schimkat

445 Folgen zwischen Poesie und Wahnsinn: Am Sonntag feiert die Lesebühne "Schwabinger Schaumschläger" ihr Zehnjähriges.

 

München - Das Vereinsheim und die Gläser leeren sich langsam. Moses Wolff, Michael Sailer und Christoph Theussl, die Macher der "Schwabinger Schaumschläger", trifft man zu dritt nach der Show auf durchgesessenen Sesseln in einer Ecke. Daneben wird laut gekickert.

AZ: Meine Herren, zehn Jahre, 455 Folgen – und ihr wolltet nicht feiern?
MOSES WOLFF: Mei, der Michi wollte lieber was Originelles machen: zum Elfjährigen feiern. Aber wir haben uns dann durchgesetzt.
MICHAEL SAILER: Ich kann mit Feiern eh nix anfangen.
CHRISTOPH THEUSSL: Wir feiern ja nicht richtig, sondern würdigen nur die Zeitspanne. Jaromir Konecny, der die Bühne mit Moses gegründet hat, wird da sein. Und was Kleines lassen wir uns einfallen.
WOLFF: Wir machen aber kein großes Fass auf.

Wer von euch hält das alles zusammen?
WOLFF: Der Michi!
THEUSSL: Ja, der macht das Haupt-Booking. Formal sind wir gleichberechtigt, aber als Gast muss man erstmal am Michi vorbei.
WOLFF: Der ist im Vereinsheim sehr aktiv, da sieht er halt oft geile Künstler und fragt dann, ob sie bei uns auftreten wollen.
SAILER: Letztlich sind wir alle mitnand geile Künstler. Aber fragen Sie doch mal was, wo man was Lustiges antworten kann!

Der bekloppteste Gast?
SAILER: Hm, da war der eine, den wir von der Bühne geworfen haben, weil er gar keinen Text dabei hatte.

Und eure beste Show?
SAILER: Heute. Heute war’s doch echt schön.

Wie war’s, als ihr angefangen habt?
SAILER: Ich kam ja erst zur vierten Folge oder so dazu, und da war noch sehr unklar, woher man Leute kriegt, die was vorlesen. Da musste erstmal Ordnung rein!
WOLFF: Da hatten wir auch noch nicht viele Zuschauer, weil uns niemand kannte, und „Lesebühne“, das war noch kein Begriff. Es gab in der Richtung bisher nur „Westend ist Kiez“. Mit den Poetry Slams in München hatten wir damals ausgemacht, dass wir was Anderes machen: Literatur auf der Bühne eben.

SAILER: Am Anfang war’s noch schwierig, weil ein paar junge Slammer meinten, sie können nicht bei beidem auftreten.

Wie kriegt ihr dann jedes Mal wieder die Gäste zusammen?
SAILER: Das hat sich ja inzwischen gelöst, das ist ne uralte Geschichte.
THEUSSL: Naja, wir müssen uns schon immer wieder die Frage stellen lassen, warum zum Beispiel unser Publikum im Schnitt 30 Jahre älter ist als das beim Poetry Slam. Slammer sind einfach jünger und deshalb sitzen Jüngere im Publikum beim Slam und bei uns Ältere, das ist eben so.

Wie viele Zuschauer kennt ihr beim Namen?
WOLFF: 50, 60. Da kommen ja nicht jede Woche die selben.
THEUSSL: Es gibt schon ein sehr treues Publikum. Das sind halt eher Freaks.
WOLFF: Spezialisten. Es gibt noch einige, die sich noch mischen mit unserer Schwester-Show am Montag, dem „Blickpunkt Spot“. Das ist ein herzliches, schönes Verhältnis. Selbst wenn wir Texte lesen, die sie schon kennen.
THEUSSL: Die sprechen teilweise die Einleitung vom Michi mit, singen bei meinen Liedern mit. . .
(Sailer schält sich aus dem Sessel: "Ich hol mir noch a Bier.")

Ist mal eine Show ausgefallen?
WOLFF: Ganz am Anfang mal, die dritte oder so, weil niemand gekommen ist. Und zu großen Fußballereignissen machen wir nichts – und zur Wiesn. Aber ansonsten haben wir das immer durchgezogen.
(Björn Puscha, der vorhin noch auf der Bühne stand und bis eben gekickert hat, schleicht vorbei.)
WOLFF: Hey Björn, magst du kurz den Michi ersetzen?
BJÖRN PUSCHA: Ja klar.

Was würdet ihr sonntags ohne die Schaumschläger tun?
WOLFF: Ich würde mich daheim in die Badewanne legen und dann traurig früh schlafengehen.

Kein "Tatort"?
WOLFF: Naa.
THEUSSL: Naa.
PUSCHA: Naa.
(Sailer kommt zurück, schaut irritiert auf seinen alten Platz.)
PUSCHA: Servus, Michi, ich hab dich ersetzt!
SAILER: Macht nix. (setzt sich auf die Sessellehne dazu)

Ist die literarische Qualität so, wie ihr sie gern hättet?
THEUSSL: Naja, manchmal sind schon Leute da, die wir nicht so kennen, die ein bisschen experimentieren. Da fallma schon mal auf die Schnauze. Vor allem, wenn’s Richtung Comedy geht.
SAILER: Comedy machma ned!
WOLFF: Wenn wir jemand Tolles dahaben, geben wir dem gleich neue Termine, deshalb sind wir langfristig ausgebucht.
SAILER: Ich lade die Leute ja ein, weil ich weiß, dass ich sie mag.
THEUSSL: Darf ich mal intern eine Frage stellen?

Immer los.
THEUSSL: Also, Michi, würdest du deine eigenen Texte als literarisch hochwertig bezeichnen?
SAILER: Das ist eine sehr undifferenzierte Frage. Ich hab ungefähr 350 Texte für die Bühne, zwei Romane, diverse Kurzgeschichten und noch andere Dinge. Bühnenliteratur ist ein besonderes Genre. Früher wollten Leute, dass ich in Buchhandlungen aus meinen Romanen vorlese. Aber nur so zehn Seiten aus einem Roman, das ist ja Schmarrn. Ich finde, wenn du auf eine Bühne gehst und da Literatur machen willst, dann musst du das so machen, dass sie für fünf Minuten kompatibel ist. Und das hat nichts mit dem zu tun, was man sonst schreibt.

War das die Idee, mit der ihr die Schaumschläger angefangen habt?
SAILER: Naa. Wir ham einfach gesagt: Wir machen ne Lesebühne. Schaun mer mal.
WOLFF: Natürlich wollten wir unsere Literatur auf die Bühne bringen und schauen, dass wir dort eine familiäre Situation schaffen, die sich dann aufs Publikum überträgt. Wir sind eine kleine Familie und eine große mit allen, die da sind. Deshalb saßen die Autoren von Anfang an immer mit uns auf der Bühne und nicht an irgendeinem Extratisch, von dem sie aufstehen, wenn sie dran sind.
SAILER: Nein. Das war nicht schon immer so.
WOLFF: Doch.
SAILER: Nein.
WOLFF: Doch.
SAILER: Nein. Aber passt scho.
WOLFF: Wenn man sich andere Lesebühnen anschaut: Da ist immer eine Distanz zum Publikum.

Wen wolltet ihr denn mit der Bühne ansprechen?
SAILER: Das wissen wir ja heut noch nicht. Aber ist ja egal: Das ist jedenfalls die einzige wöchentliche Lesebühne außerhalb von Berlin in Deutschland. Ach, ganz Europa!
WOLFF: Naja . . .
THEUSSL: Also für Deutschland außerhalb Berlins stimmt das auf jeden Fall. Und in Berlin gibt’s dafür so zehn.
PUSCHA: Also aus meiner externen Sicht ist die Stärke eures Formats ja die Heterogenität und die extreme Wandelbarkeit. Mal hat eine Folge mehr Poeten, mal mehr Slammer, mal jemanden, der komplett das Metrum bricht.

Wie lange macht ihr’s noch?
PUSCHA: So lange, wie die Leber mitspielt!
WOLFF: Die Antwort ist gut.
SAILER: Genau so lange. Oder naa, schreib: „Michael Sailer sagt: Ich mache das so lange, bis ich mich nicht mehr bewegen kann“.

Und der Nicht-Trinker?
THEUSSL: Ich mach ja bei den Schaumschlägern das, was ich sonst auch immer mach. Ich singe Lieder, und die singe ich auf anderen Bühnen und in anderen Formaten genauso. Die Schaumschläger sind für mich ein sehr wichtiger Teil meines Lebens geworden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das bis zum Ende meiner Tage mache.
(Sailer: "Ich hol mir noch a Bier.")
THEUSSL: Man muss auch sehen: Das ist Stress, jeden Sonntag herzukommen und zu wissen, ich muss liefern. Es ist ein fortlaufendes Projekt, das immer im Kopf ist.
WOLFF: Klar, und du willst den Stammgästen nicht jedes Mal das gleiche vorsetzen. Der Michi schreibt sich zum Beispiel auf, was er wann gelesen hat, damit sich das nicht doppelt.
THEUSSL: Und wir versuchen natürlich immer, uns zu verbessern. Ich finde, dass es eine deutliche Qualitätssteigerung gegeben hat.

So etwa seit 2012, seit du dabei bist?
THEUSSL: Ja so etwa. Aber auch seit etwa einem Jahr sind es immer mehr Zuschauer geworden. Das waren hervorragende Abende!
Habt ihr was geändert?
WOLFF: Naa, wir sind einfach stabiler geworden. Und eine Sache ist noch wichtig: Wir bekommen Unterstützung vom Kulturreferat, wir können also Leute von außerhalb einladen. Das hilft sehr, bei dem Eintritt hier verdient man ja nichts und das ist schon schön, wenn du Gästen aus Berlin die Fahrt und das Hotel zahlen kannst.
THEUSSL: Deswegen haben wir überregionale Relevanz, was ja ein Teil des Konzeptes ist. Ich spiele die meisten meiner Lieder mittlerweile hier zum ersten Mal. Noch mit Textblatt, einfach um auszuprobieren, wie das ist. Wenn mal was in die Hose geht, muss man sich halt beim nächsten Mal wieder zusammenreißen.
WOLFF: Das mögen die Leute ja auch!
THEUSSL: Das Scheitern gehört dazu! Es ist halt alles auch Versuch und Irrtum. Wir wissen ja nie, wie die anderen so drauf sind und was die vorhaben.
WOLFF: Und jetzt, wo der Michi gerade wieder Bierholen ist, kann ich’s ja sagen: Natürlich kommen hier mehr Slammer her als früher. Für die ist das hier angenehm, dass man nicht gegen andere antreten muss und entweder gewinnt oder verliert.
THEUSSL: Ich mag Slams nicht. Ich verstehe nicht, wieso man Künstler so gegeneinander aufhetzen muss.

Fürs Publikum ist das ja gerade das Unterhaltende.
WOLFF: Aber man macht sich da eben nicht einen schönen Abend mit Künstlern, sondern sticht sich gegenseitig aus.
THEUSSL: Das ist natürlich nicht bei allen Slams gleich stark. Aber die grundsätzliche Idee ist eben so.
WOLFF: Und das war bei den Schaumschlägern von Anfang die Idee: Es sollte kein Wettbewerb für die Künstler sein. Und das Publikum soll einen schönen Abend haben und sich einfach fallenlassen.
THEUSSL: Das ist doch jetzt ein schöner Schlusssatz.
(Alle gehen kickern.)

Lesen Sie hier: Moses Wolff: Lederhosn als Dosenöffner

 

0 Kommentare