"Schoppenstube" sperrt zu Abschied eines Originals: "Gerti, du Guade du!"

Für’s Ständchen gibt’s ein Stamperl: Die „Schicksalscombo“ um Schauspielerin Kathrin Anna Stahl (2. v. l.) singt und stößt danach mit Wirtin Gerti an. Die AZ zeigt die Bilder von der Abschiedsfeier in der "Fraunhofer Schoppenstube". Foto: Daniel von Loeper

Aus, vorbei - Ende:  Nach über 40 Jahren feiert Gerti Guhl ihren Abschied in der „Fraunhofer Schoppenstube“. Die AZ war dabei.

Isarvorstadt Um zwölf Uhr geht das Licht aus und Gerti kommt mit einer Suppenschüssel aus der Küche. Darin liegt ein Fleischpflanzerl, obendrauf versprühen Sternenwerfer ihre Funken.

Sie trägt die Schüssel zum Tisch des Geburtstagskinds: Elke Fett, Standl-Frau vom Viktualienmarkt. Die lässt Prosecco-Flaschen ploppen und kriegt ein Ständchen von einer Gruppe um Schauspielerin Kathrin Anna Stahl: „Auf der Alm do gibt's koa Sünd.“ Und in der Schoppenstube keinen Abend ohne Gesang.

Die „Fraunhofer Schoppenstube“ ist das Revier von Wirtin Gerti Guhl. Seit über 40 Jahren führt die 66-Jährige das Lokal in der Fraunhoferstraße. Sie ist herzlich und im richtigem Moment grantig, sie hat Adleraugen für leere Gläser und ein Gespür für die richtige Mischung aus geschäftigem Hetzen und geselligem Ratschen. Sie ist ein Original. Jetzt feiert sie ihren Abschied.

Die Vermieter, ein älteres Brüderpaar, haben sie rausgeschmissen. Die Söhne der Vermieter übernehmen die Immobilie und wollen sie sanieren. Ins Erdgeschoss soll ein Büro. Im Januar war einer der Junior-Vermieter zum Ausmessen da. Gerti brach es das Herz.

Gäste protestierten, Münchner Promis wie Regisseur Marcus Rosenmüller und Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl unterstützten sie mit einem Film, Oberbürgermeister Christian Ude mischte sich ein. Geholfen hat es nichts.

Eine neue Bleibe hat Gerti nicht, obwohl sie 30 Immobilien angeschaut hat. Aber da ist sie wählerisch: Alt muss es sein und in guter Lage wie die Schoppenstube. Gab's nicht. Jetzt plant sie „Schoppenstuben-Abende“ in anderen Lokalen wie der „Kulisse im Fraunhofer“. Und feiert zum Abschied kräftig in ihrer Stube.

Noch einmal sind sie gekommen: Freunde, Bekannte, Begleiter. Es sind Stammgäste wie Ernst Günl, der das Wolgalied stets so inbrünstig sang, dass das ganze Lokal schwieg und entzückt zuhörte, meistens weinte, genauso wie er selbst. Freunde wie Randy Miller, der ausgerechnet hat: „Gerti hatte 1,3 Millionen Gäste. Ganz München war hier mal drin.“

Paare wie Markus Weinzierl und Iris Kloft, die sich vor elfeinhalb Jahren hier kennen und lieben gelernt haben oder Marta Renyi und Laszlo Dobos, die sagen: „Heute haben wir unsere Heimat verloren.“

Eifrige Unterstützer sind da wie der Kabarettist Josef Pretterer, der das Lokal sein „Therapiestüberl“ nennt: „Ich bin immer froh aus der Schoppenstube rausgegangen.“ Und treue Weggefährten wie Hubert Mutz, der seit 1981 für Gerti arbeitet. Die ersten Jahre war er angestellt, heute kommt der Taxler nach seiner Spätschicht und hilft mit.

Auch Regisseur Rosenmüller ist da, hockt sich mit Schauspielern auf eine Eckbank. Um kurz vor zwei ruft er: „Gerti, ein letztes Weißbier!“ Die Stimmung schwankt zwischen seliger Freude und Wehmut. Und man spürt es: Einer fehlt.

Es ist Gertis Mann Werner Guhl. Mit ihm hat Gerti die Stube übernommen. Es war Silvester 1972. Gerti hatte zuvor im Halali und im Residenztheater gearbeitet, in dieser Nacht kellnert sie in der Disco Cin Cin. Nach der Arbeit, um sechs Uhr früh, geht sie in die Schoppenstube, wo Werner die Nacht musiziert hat. Dann wird verhandelt, die beiden sollten die Stube übernehmen. Um halb elf sind Gerti und Werner Wirte.

Jeden Abend greift Werner Guhl zur Quetschn, auf der er nach verbreitetem Glauben mehr Lieder auswendig spielen kann, als es überhaupt gibt. Wenn ein Musiker ins Lokal kommt, muss er gleich etwas vortragen. Und auch die anderen Gäste sind nicht einfach so da: Jeder einzelne soll mitmachen, bekommt laminierte Liedtexte. Am Schluss singen alle in der Stube, weil sie’s können, weil es Spaß macht oder weil’s wurscht ist. Gerti und Werner steuern den Abend wie Regisseure. Sie machen das Lokal zur Bühne.

2007 stirbt Werner Guhl. Damit ist auch ein Teil der Schoppenstube tot. Zwar engagiert Gerti wechselnd junge Musiker, doch Werner fehlt den Stammgästen. Und er fehlt Gerti. Sehr. Das merkt man.

Und jetzt das Ende der Stube nach 40 Jahren. Gerti zeigt, dass sie wütend ist auf ihre Vermieter und enttäuscht von der Stadt. Ihre Trauer überspielt sie. „Was machst'n, wenn du zu hast?“, fragt ein Gast. „Mit dir ausgehen – wennst mich einlädst!“, antwortet sie tapfer. „In Wahrheit geht es ihr richtig schlecht“, sagt ein Freund. „Sie wird heimfahren zu ihren zwei Katzen, und dann? Sie kann doch ohne ihr Nachtlokal gar nicht leben.“

Um kurz nach drei geht Gerti kurz nach draußen. Sie nimmt ein paar tiefe Züge von der Sommernachtsluft und schaut zur Stubentür. Der Schauspieler Ferdinand Schmidt-Modrow tapst heraus. „Gerti, du Guade du!“, ruft er. Von der Gerti setzt's dafür ein „Psssscht!“ und ein Lächeln. „Ja mei“, sagt Schmidt-Modrow, „wenn's halt so is.“

 

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