Die Festspiele zeigen als erste Opernpremiere Mozarts „Zauberflöte“: Ein Zirkus-Spektakel mit Klaus-Maria Brandauer im Großen Festspielhaus

Es macht Peng! Hat jemand auf die Blechtrommel im Kinderzimmer gehauen? Oder war es ein Schuss des Spielzeugpanzers? Nein – es sind doch die Wiener Philharmoniker mit dem ersten Akkord der Ouvertüre zu Mozarts „Zauberflöte“, die Constantinos Carydis im Großen Festspielhaus dirigiert.

Hochnervös und sehr geschwind geht es weiter. Carydis nimmt freie Tempi. Er setzt im zweiten Akt bewusste Pausen, etwa vor dem hinreißend emotional interpretierten Nachspiel zu Paminas g-moll-Verzweiflungsarie. Und ein Cembalo und ein Hammerklavier pfeffern ständig abwechselnd und gemeinsam die schnellen Passagen nach und die Feuer- und Wasserprobe wird von einer Orgel grundiert. Das ergibt eine wilde Mischung aus historisch-informiertem Stil mit unerwarteten Romantizismen, gemildert durch die traditionelle Wärme des Orchesters, das sich vorbehaltlos auf diesen Traditionsbruch einlässt.

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Mit Lydia Steiers Inszenierung, die Mozarts beliebteste Oper in P. T. Barnums Zirkusunternehmen versetzt, gehen diese bunten Manierismen wunderbar zusammen.

Zur Ouvertüre wird in einem großbürgerlichen Haushalt der guten alten Zeit zu Abend gegessen. Dann liest der Großvater (Klaus Maria Brandauer) seinen drei Enkeln die Geschichte der „Zauberflöte“ vor – leider nur simpel verstärkt und ohne echtes Klangdesign. Dann springt Tamino in den grau-roten Uniformfarben der k&k-Armee durchs Fenster, verfolgt von einem Flammenwerfer.

Der Vogelfänger als Geflügellieferant

Die Bildnis-Arie singt Mauro Peter leider zu weich. Der täppische Papageno (Adam Plachetka) erinnert in dieser Inszenierung mit Hornbrille und Fliege ein wenig an Heinz Erhardt. Er ist insofern Vogelfänger, als er als Sohn des Geflügellieferanten in die Geschichte eingeführt wird. Pamina wiederum ist vor ihrer Mutter, einer Stummfilmdiva, in den Zirkus geflüchtet, wo der Messerwerfer Monostatos hinter ihr her ist, ehe der große Zauberer und Zirkusdirektor Sarastro alle Wirren vorläufig sortiert.

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Ist das nicht fürchterlich an den Haaren herbeigezogen? Mag sein. Aber es wirkt auf der überbreiten Bühne des Großen Festspielhauses, die ein großes, augenfreudiges Spektakel geradezu herbeizwingt. Da ist es geschickter, auf ein verschämtes Kammerspiel zu verzichten und bei vollem Einsatz aller Prospekte und Maschinen auf den Putz zu hauen. Und ist der Zirkus nicht eine Sphäre, in der „Klugheit und Arbeit und Künste“ zusammenwirken, wie es bei Emanuel Schikaneder über den Tempelbezirk heißt?

Regisseurin Lydia Steier umschifft geschickt viele, wenn nicht alle heiklen Stellen des für seine schwer auflösbaren Widersprüche berüchtigten Texts. Der mit sparsamen Dialogen versetzte Erzähler-Text behält bekannte Zitate bei, die drei von fabelhaft spielenden und singenden Wiener Sängerknaben dargestellten Enkel halten als neue Hauptfiguren die neue Geschichte zwischen Tag und (Alp-) Traum gut zusammen.

Der Erste Weltkrieg als Alptraum

Sarastros salbungsvolles Gerede am Beginn des zweiten Akts bleibt angenehm ungehalten. Zum Marsch der Priester streiken pantomimisch in Zeitlupe die Artisten und halten allerlei humane Parolen aus dem Originaltext auf Tafeln hoch, ehe sie vom charismatischen Zirkusdirektor gebändigt werden.

Pamina ist hier eine tragische Colombine. Das befremdet anfangs, steigert aber als Gegensatz den aus tiefster Seele kommenden Gesang von Christiane Karg. Die Königin der Nacht erscheint zur Abwechslung in Weiß, was durchaus zu Albina Shagimuratovas gleißendem Gesang passt. Matthias Goerne leiht dem Sarastro vor allem seine Persönlichkeit. Er ist als Bassbariton allenfalls eine interessante Fehlbesetzung, weil er die tiefen Töne nur mit Anstrengung schafft und sonst sehr wattig singt.

Die Feuer- und Wasser-Probe versteht Lydia Steier als Vision des Ersten Weltkriegs. Plötzlich versteht man, wieso Mozart hier eigentlich einen Trauermarsch komponiert hat. Carydis kostet ihn in voller Langsamkeit aus. Bei Papagenos letzter Szene laufen Unmengen an Frauen über die Bühne – es ist nur leider lange nicht die Richtige dabei. Eine frappierende Wendung, ehe zuletzt die Bösewichter im riesenhaften Panzer erscheinen und durch Schusswaffengebrauch zur Strecke gebracht werden.

Natürlich gab es den Zirkus bei der „Zauberflöte“ schon bei Achim Freyer, und das quer durchgeschnittene Haus mit Küche und Keller kommt einem aus dem Salzburger „Downton Abbey“-„Figaro verdächtig bekannt vor: Egal! Diese „Zauberflöte“ entfaltet viel Theaterzauber. Kinder hätten einen Riesenspaß, für Erwachsene ist viel Tiefgang dabei. Viel kompletter war diese beliebte, aber in Aufführungen nie befriedigende Oper lange nicht mehr zu sehen, auch wenn sich die Oberfläche musikalisch wie szenisch stark vom Gewohnten unterscheidet.

TV-Ausstrahlungen: 4. August, 20.15 Uhr, ORF 2 und Arte. Und: 5. August, 22 Uhr gekürzt, ZDF, Infos zu Restkarten: www.salzburgfestival.at