Schwer nervig und doch erhellend: Fünfeinhalb Stunden mit Knut Hamsuns „Hunger“, aufbereitet von Frank Castorf

Ein junger Mann, angeblich Journalist, streift durch Norwegens Hauptstadt. Er schwankt zwischen Demut und Größenwahn. Er hadert wie Hiob mit Gott, weil seine Bewerbungen abgelehnt werden und er eine Stelle als Kontorist wegen eines Zahlendrehers nicht bekommt. Womöglich wird sein Geist vom Nahrungsmangel verwirrt, der auf ihn wie eine Droge wirkt und daran hindert, sein Leben in die Hand zu nehmen.

"Hunger" von 1890 vereint, was Frank Castorf in den letzten Jahren umgetrieben hat

Knut Hamsuns epochaler Roman „Hunger“ von 1890 vereint vieles, was Frank Castorf in den letzten Jahren umgetrieben hat - zuletzt etwa in seinen Dostojewski-Inszenierungen, deren Motive sich hier bündeln. Für die Salzburger Festspiele hat er das schmale Buch, das ein rascher Leser in zweieinhalb Stunden bewältigt, im XXL-Format auf die Bühne der Perner-Insel gewuchtet. Fünfeinhalb Stunden dauert der angesichts der Hitze auch körperlich anstrengende Abend, den nicht wenige Zuschauer vor dem Ende um halb eins verlassen.

Psychogramm des modernen unbehausten Großstadtneurotikers im Postkapitalismus

"Hunger“ ist, wie jeder Castorf, ein schwer nerviges und zugleich erhellendes Psychogramm des modernen unbehausten Großstadtneurotikers im Postkapitalismus. Da musste der Regisseur nicht viel dazutun, es steht alles in diesem erstaunlich frisch gebliebenen Roman über eine Figur, deren Name, Motive und Psychologie dunkel bleiben.

Hunger? Dagegen wird im McDonald's angefuttert 

Am fehlenden Essen kann es in der Bühnenfassung allerdings nicht liegen. Viele Szenen spielen bei McDonald’s: Das drehbare, mit Gras gedeckte norwegische Holzhaus des Bühnenbildners Aleksandar Denic beherbergt unter anderem auch eine Filiale der Burgerkette. Was zum Roman passt, deren Hauptfigur nach dem hastigen Genuss eines Beefsteaks unleidlich wird, ehe sie sich übergeben muss.

In Hallein: die Stars der verflossenen Berliner Volksbühnen-Ära

Castorf hat in Hallein noch einmal die Stars seiner verflossenen Berliner Volksbühnen-Ära zusammengetrommelt. Am Beginn erinnert sich der saturiert-beleibte Josef Ostendorf an seine Hungerjahre. Im weiteren Verlauf übernimmt meist der hochnervöse Marc Hosemann die Hauptrolle. Die noch immer mit kehligem Kleinmädchen-Mezzo bannende Sopie Rois und ihre kongeniale Partnerin Kathrin Angerer spielen Männer wie Frauen durcheinander und vertreiben mit langen Passagen aus Hamsuns „Mysterien“ kurz nach 21 Uhr die ersten Zuschauer.

„Mysterien“ mäandern gelb mit vervielfachter Hauptfigur 

Tatsächlich nervt das mäandernde Geschwätz aus diesem Roman beträchtlich. Die Figuren lassen sich kaum auseinanderhalten, und zur weiteren Verwirrung hat Castorf die gelb gekleidete Hauptfigur weiter vervielfacht. Aber letztlich geht es dem Regisseur und seinen Darstellern ohnehin weniger um den Sinn als um den Sound: einen Blues der postmodernen Sinnleere überflüssiger Menschen, der hier mit Popsongs und Hamsun-Rap über einem fernen Klangteppich aus zugespielter Klavier- und Streichermusik ausgebreitet wird, bis Marc Hosemann plötzlich ins Publikum springt.

Einer springt in Publikum, ein anderer saxophont Soli und Hilter singt Schubert

Weil Hallein nun einmal auf der anderen Seite jenes salzhaltigen Berges liegt, wo der alte schwerhörige Hamsun 1943 Hitler zum Tee traf, kommt Castorf um Anspielungen auf die Nazi-Sympathien des Schriftstellers nicht herum. Plakate werben für die Waffen-SS, die nur sehr bedingt als biografische Alternative zum depressiven Herumhängen der Figuren taugt. Gegen Ende singt der „Führer“ persönlich Schubert. Aber der Faschismus und die nervöse Moderne bleiben in der Inszenierung ein Nebeneinander, obwohl sich beim Herumirren der „Hunger“-Figur durchaus Gemeinsamkeiten zu Hitlers Wiener Jahren aufdrängen.

Am Ende ist das Stück noch lange nicht zu Ende

Aber Castorf war noch nie ein Regisseur der Antworten, sondern immer ein Mann der kühnen Fragen und wilden Assoziationen.
Nach der Pause geht es weiter mit der verklemmten Annäherung an die Frau, die der Hungerkünstler „Ylajali“ nennt. Hosemann und Lilith Stangenberg liefern sich da eine per Video nach draußen übertragene Zimmerschlacht zweier Menschen, die mit ihrer Sexualität nicht klarkommen und endlos aneinander vorbeireden. Gegen 23 Uhr ist die Inszenierung auf den letzten Seiten von „Hunger“ angelangt. Aber es dauert noch einmal fast 90 Minuten, weil das Personal der „Mysterien“ mit seinen Gedanken weiter mäandert und ein Würstchen noch mit den Pommes debattieren muss.
Die Ylajali-Szene spiegelt sich in einem Beziehungsdrama, bei dem man auf die Bühne springen möchte, um die Figuren dazu zu bringen, endlich ihre Liebe zu gestehen. Aber dann würde Lars Rudolph aufhören, auf Lilith Stangenbergs Abschweifungen mit traurigen Trompetensoli zu antworten, was auch wiederum schade wäre. Bewundernswert ist auch die technische Perfektion der Live-Videos. Und alle Tontechniker, die einen das Jahr über mit schlecht verstärkten Schauspielern verzweifeln lassen, werden hiermit zu einem Zwangs-Praktikum bei Castorf verdonnert.

Ein Summum Opus von Castorf

„Hunger“ ist ein Summum Opus dieses Regisseurs, Volksbühnen-Weihespiel und Selbstfeier in einem. Insofern passt es nach Salzburg, obwohl bei der Premiere im Publikum überwiegend berlinert wurde. Bei aller Bewunderung für die hochvirtuose Schauspielerei kommt man allerdings nicht um die Einsicht herum, dass Castorf bei Texten, die ihm Widerstand entgegensetzen, stets stärker war. Insofern bleibt „Hunger“ zu sehr das Heimspiel einer glänzenden Mannschaft, der es etwas am Druck einer Herausforderung fehlte.    
   
Wieder am 6., 10., 11., 13., 15., 17. und 20. August, Perner-Insel, Karten: www.salzburgfestival.at