Ulrich Rasche inszeniert Aischylos’ „Die Perser“ erwartbar spektakulär im Landestheater

Die Geschichte schreit ins Heute hinein, mit voller Kraft, weil sie deutlich gehört werden will, zumindest im Theater des maschinentüftelnden Regisseurs Ulrich Rasche, der im Residenztheater Schillers „Die Räuber“ monumental aufbereitete. Bei ihm geht es nicht um dahingehauchte Zwischentöne, sondern immer ums große Ganze, in epischer Länge.

So ist es kein Wunder, dass Valery Tscheplanowa das erste Wort des Abends im Salzburger Landestheater aus voller Lunge spricht, gedehnt und am Ende hochgezogen, während ein dumpfer Beat schlägt: „Weeeeeeelt!“ Ja, die Welt ruft sie an, und die Welt soll hinschauen auf das Drama der persischen Armee, die 480 vor Christus trotz Überzahl bei der Schlacht von Salamis von den Griechen geschlagen wurde. Mit der Insel-Attacke wollte Anführer Xerxes den persischen Eroberungsfeldzug Richtung heutiges Europa weiterführen und gleichzeitig die vorherige Schlappe bei der Schlacht von Marathon rächen, wobei die Streitkräfte da noch von seinem Vater Dareios angeführt wurden, der einige Zeit später starb.

Die älteste Tragödie der Weltliteratur

Xerxes‘ Machtwille erzeugte ein Leiden, das in der dramatischen Bearbeitung durch Aischylos zum chorischen Wehklagen gerinnt. Seine Tragödie, die älteste überlieferte der Weltliteratur, schildert die Schlacht aus Sicht der Verlierer, der Perser, während Aischylos selbst auf Seiten der Griechen kämpfte. So ist sein Stück Ausdruck des Triumphes, kommt aber als Kunststück der Einfühlung daher. Zur Identifikation und Empathie braucht es eigentlich Lücken, Zwischenorte, in denen man sich als Zuhörer und Betrachter einfinden kann. In der Inszenierungswelt von Ulrich Rasche jedoch werden die Räume ständig dicht gemacht, auf der akustischen Ebene durch eine fünfköpfige Band, welche die minimalistischen, sich steigernden, aufschichtenden Kompositionen von Ari Benjamin Meyers und Nico van Wersch vom seitlichen Parkett und den Logen aus einspielt, sowie auf der Bildebene.

Zwar lassen die von Rasche entworfenen Bühnenbilder einiges an Luft, überwältigen aber in ihrer schieren Größe. Ins Salzburger Landestheater hat er zwei große Drehscheiben gebaut: Die eine ragt in den Zuschauerraum hinein; die andere im Hintergrund ist, wie so oft bei Rasche, ein hydraulisches Wunderwerk, welches sich wie eine Kirmesattraktion drehen und wenden lässt. Auf der hell beleuchteten, schräg gestellten Oberfläche sieht man einmal ein paar Vertreter des geschlagenen persischen Heeres auf den Knien, wie die ganze Zeit schon an Seilen fest eingeklinkt, damit sie nicht hinab fallen können. Sie „flehen und flehen und flehen“, von oben brennt gelbes Scheinwerferlicht herab wie die Sonne, von der die Rede ist.

Im existenziellen Hamsterrad

Es ist eins dieser großartigen Theaterbilder, die Rasche im Dutzend zu erzeugen vermag. Man kann darin ein Sinnbild menschlicher Unterwerfung unter ein fremdbestimmtes Schicksal sehen, aber in seiner Breitflächigkeit hat das Bild auch etwas Plakatives. Statt Individuen sieht man ein Heer unter einem gemeinsamen Joch, so, wie Rasche insgesamt das Verhältnis des Einzelnen zur Menge vor allem mittels Gruppen zum Ausdruck bringt. Den Chor des persischen Ältestenrates teilen Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa unter sich auf, stanzen die Worte (in der Übersetzung von Durs Grünbein) einzeln in die Luft, im Rhythmus der Musik, oft Silbe für Silbe.

Genauso gehen die Spieler beständig auf den langsam drehenden Scheiben, Schritt für Schritt, ohne dass sie jemals in diesem existentiellen Hamsterrad zu irgendeinem Halt kommen. Rasches Theater ist auch eines der Entschleunigung, eine Form von Rebellion gegenüber einer Welt der rasanten Informationsfluten und kurzen Aufmerksamkeitsspannen. Der Inhalt einer Szene mag schnell klar sein, aber die Zeit dehnt sich im Insistieren auf einzelnen Sätzen und Worten sowie musikalischen Motiven. Das kann enervieren, aber steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein, und möglicherweise ist man ja irgendwann durchlässig, etwa für das Leiden der Königsmutter Atossa, verkörpert von Patrycia Ziolkowska, welche die Niederlage ihres Sohnes in einem Traum vorhersieht.

Vergeben - und nicht vergessen

Mit Bürkle und Tscheplanowa bildet Ziolkowska ein in Wort und Schritten entschlossenes Frauentrio auf der vorderen Scheibe, während auf der hinteren die Männer mit nackten Oberkörpern und im Lendenschurz ein stereotypes Bild kraftstrotzender Männlichkeit abgeben. Vereint im chorischen Sprechen und gemeinsamen Marschieren sind sie stets auf einer Linie: reines, devotes Kriegsfutter. Den Heimkehrer Xerxes splittet Rasche auf drei Spieler auf und macht ihn am Ende zu einem Anführer, der zumindest als bereuender Gescheiterter einen Weg in die Gemeinschaft findet.

Als führende Köpfe bieten sich die Männer ganz und gar nicht an; die wahre (Sprach-)macht liegt bei den drei Darstellerinnen, deren individuelle Spielkraft auch im Trio nicht verloren geht. Als Geist des Königs Dareios tritt Valery Tscheplanowa auf, geisterhaft weiß die Farbe auf ihrem nackten Busen, und sie weist Atossa an, ihren Sohn gnädig aufzunehmen, wenngleich er seiner Hybris erlegen ist.

Ein Aufruf zur Vergebung – und ganz am Ende ein Aufruf, nicht zu vergessen. Schließlich gibt es heute genug Gruppen und narzisstische Anführer, die Schritt für Schritt in die falsche Richtung gehen. Nach vier Stunden Monumentaltheater hat Ulrich Rasche einem diese Botschaft eindringlich eingebläut. 

Bis 27. August, 19.30 Uhr, Landestheater, +43 662 8045 500