Kent Nagano und der Regisseur Krzysztof Warlikowski bringen in der Felsenreitschule Henzes "Bassariden" heraus

Zwei Wochen nach der Uraufführung seiner „Bassariden“ schrieb Hans Werner Henze einen Brief an die Wiener Philharmoniker, die diese große Oper während der Salzburger Festspiele von 1966 uraufgeführt hatten. Ganz der Charmeur, bedankte sich der Komponist bei den „sehr geehrten Herren“ dafür, dass jeder von ihnen „mit seinem Spiel in das Zentrum des gewollten Ausdrucks zu treffen bemüht war, um das Schönste und Stärkste aus dem ihm zu Gebote stehenden Klangmittel herauszuholen“. 

Ob er das wohl auch von dieser Produktion gedacht hätte, hätte er sie noch erleben können? Ein halbes Jahrhundert später spielen die Nachkommen eben jener Wiener Philharmoniker das Werk mit leichter Hand, während Kent Nagano gewandt, aber nicht übertrieben interessiert dirigiert. Alles ist wohl kontrolliert, doch aus einer so überreichen, überreifen Partitur wäre mit diesem Klangkörper, der wie kein zweiter die Farbenvielfalt eines symphonischen Ensembles mit der Flexibilität eines Opernorchesters verbindet, noch viel mehr herauszuholen gewesen.

Ärgernis Regie

Das kann man bedauern. Ein glattes Ärgernis ist aber die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski, und das buchstäblich ab der ersten Sekunde. Wie schon in seiner Münchner „Frau ohne Schatten“ ruiniert der polnische Regisseur auch hier den eigentlichen Anfang der Oper durch einen fast 15 Minuten langen Vorspann: Über dräuendem akustischen Gegrummel erzählt eine Sprechstimme (Sean Panikkar als Dionysus selbst) die Vorgeschichte der Handlung, schlecht pathetisch wie in einem Superhelden-Film. Dazu quäkt in einem schäbigen Hotelzimmer ein kleines Radio, während sich Tanja Ariane Baumgartner, die später mit expressivem Hochdruck die Agave singen wird, rauchend ein Kleid über die Unterwäsche streift.

Zugegeben: Der Text stammt vom Komponisten selbst; er wurde für die Erstaufführungen in England und in den USA verfasst. Doch so klischeehaft bebildert und so unverhohlen publikumspädagogisch ist dieser Prolog nicht nur überflüssig, sondern unabsichtlich lächerlich. Verdruckst erotisch und somit quälend unkomisch verläuft dann das oft gestrichene Intermezzo „Das Urteil der Kalliope“. Baumgartner in der Rolle der Venus und die fabelhaft höhenintensive Vera-Lotte Böcker als Proserpine müssen dort in Abendkleidern als klamottige Sadomaso-Bräute auftreten, jeweils mit Sklavin bzw. Sklave an der Leine. Und ewig hechelt dazu noch ein Extrasklave mit heraushängender Zunge (Bühne und Kostüme: Malgorzata Szczesniak). Das ist mehr peinlich als provokant.

Hätte Henze wieder einen Brief geschrieben?

Ansonsten lässt die Regie die Darsteller auf der in drei Unterräume zergliederten Bühne der Felsenreitschule alleine. Nur der charismatische Willard White als Cadmus sowie Nikolai Schukoff als Tiresias, der bereits vor zehn Jahren in der Münchner „Bassariden“-Produktion den Dionysos gegeben hatte, vermögen das Vakuum der weitgehend unterbleibenden Personenführung zu füllen.

Den Pentheus singt Russell Braun kernig, er kann jedoch letztlich zu wenig an königlichem Format ausbilden, den trockenen, wenig sinnlichen Tenor von Sean Panikkar als Dionysus muss man mögen, Anna Maria Dur als Amme Beroe bleibt ein bloßer Rollentyp. Eine wichtige Funktion erfüllt der an sich eindrucksvoll tönende Wiener Staatsopernchor, der aber über weite Strecken sinnloserweise mit dem Rücken zum Publikum zu singen hat und somit an Wirkung einbüßt. Vielleicht hätte Henze auch nach dieser Aufführung einen Dankesbrief geschrieben. Schwer vorstellbar aber, dass ihm dieser aus einem restlos glücklichen Komponistenherzen geflossen wäre.

Weitere Aufführungen am 19. August (15 Uhr) sowie am 23. und 26. August (jeweils 19.30 Uhr) in der Felsenreitschule in Salzburg, Karten: (0043) 662 8045 500 und unter info@salzburgfestival.at.