"Salome" in Salzburg Küchenpsychoanalyse mit tollem Sound

In Stefan Herheims Inszenierung steigt die blonde Salome (Emlly Magee) in den Kopf Jochanaans, statt ihn zu küssen und tröstet dann ihre unglückliche Mutter (Hanna Schwarz) Foto: Forster/Osterfestspiele

Wenn Salome ins Dunkel der Zisterne schaut, sieht man die Schwärze mit den Ohren. Der von Herodes vernommene Todeswind  tönt wirklich zum Fürchten. In dieser Aufführung glitzern die Juwelen hörbar und die Harfe spielt stachelig, wenn die verfilzten Haare des Propheten Jochanaan mit einer Dornenkrone verglichen werden.

 

Die Berliner Philharmoniker sind die Primadonna dieser „Salome“ der Salzburger Osterfestspiele. Sie machen Nebenstimmen und Details hörbar, die normalerweise nur in der Partitur zu lesen sind. Die Sehnsucht von Richard Strauss, die Musik möge schimmern wie „Changeant-Seide“, geht hier einmal wirklich in Erfüllung.

Im Unterschied zum „Ring des Nibelungen“ der vergangenen Osterfestspieljahre lässt Simon Rattle die Orchestervirtuosität nicht als Selbstzweck vorführen. Bei aller Liebe zum Detail und behäbigen Tempo reißt der Spannungsbogen nie ab. Immer wieder streut der Dirigent Salz in die Süße der Musik. Strauss ist in seiner Sicht nicht schon 1905 der allerletzte Romantiker, sondern noch der Vorreiter der Neuen Musik.

Orchestral war das gewiss die luxuriöseste „Salome“ seit Karajans legendärer Salzburger Aufführung von 1977 mit den Wiener Philharmonikern und der jungen Hildegard Behrens. Die Sänger können da leider nicht mithalten. Emily Magee singt alle Noten Salomes, aber das war‘s auch schon. Ian Patersons Bariton ist für Jochanaans Kraftausbrüche zu weich. Stig Anderson verzichtete zwar die üblichen dekadenten Herodes-Mätzchen, blieb aber als  Interpret fad. Persönlichkeit brachten nur die unverwüstliche Hanna Schwarz als Herodias und der aus München wohlbekannte Pavol Breslik mit, der als Narraboth zum Dahinschmelzen strahlte.

Eine Inszenierung gibt‘s leider auch. Stefan Herheim wollte wieder mal auf keinen seiner tausend halbgarden Einfälle verzichten. Der Page ist in seiner Inszenierung eine Frau. Sie liebt vergeblich Narraboth und holt sich von dessen Leiche, was der Lebende ihr nicht geben wurde. Mit Zauselperücken und dem Regieholzhammer wurde eine Ähnlichkeit zur Sprachlosigkeit zwischen Jochanaan und Salome herbeinszeniert, die sich wiederum in der kaputten Ehe von Herodias und Herodes spiegelte.

Zu dergleichen Küchenpsychoanalyse passte das Bühnenbild von Heike Scheele mit der vaginalen Zisterne und einem phallischen Fernrohr, das auch schießen konnte. Mit ihm holte sich Salome sechs tanzende Doubles vom Mond. Sie erdolchten Cäsar, Dschingis Khan, Mussolini, Hitler und andere sexuell frustrierte Massenmörder, die nach ihrem Tod noch zum Henker des Jochanaan wurden.

Gesprächstoff für nachfolgende Abendessen gab es somit reichlich. Richtig ärgerlich ist allerdings, dass sich Herheim ausschließlich für seinen verkopften Mummenschanz interessiert und Sänger samt ihrem Körper als bloße Schachfiguren auf der Bühne herumschiebt.

Trotzdem markiert die Inszenierung das Ende einer Ära. Die Osterfestspiele wehrten sich lange mit dekorativer Bühnenlangeweile gegen das im Sommer längst siegreiche Regietheater. Wohl dafür kassierte aus Rattle als künstlerischer Leiter ein paar Buhs. Nun ist auch diese Bastion gefallen. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Noch einmal am 25. April. Infos zu Restkarten unter 0043-662-8045-421

 

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