Säureopfer im Völkerkundemuseum Aus Opfern werden Heldinnen

Die 19-jährige Renuka hat einen Brandanschlag überlebt. Heute lebt sie mit ihrem Mann Saroj in einem Vorort von Kathmandu. Sie hält in ihren Händen ein Foto von sich, als sie eine Reise zum Taj Mahal nach Indien machte. Foto: Ann-Christine Woehrl /Echo Photo Agency

Die mutige Ausstellung „Un/sichtbar“ im Museum für Völkerkunde zeigt Frauen, die Opfer von Säure- und Brandanschlägen geworden sind – einfühlsam fotografiert von Ann-Christine Woehrl

Man kann ganz sachlich beginnen, so, wie das erfahrene Polizeisprecher tun, wenn sie einen besonders grausigen Fall für die Öffentlichkeit herunterbeten müssen. Auch um nicht von den eigenen Emotionen überrollt zu werden. Im Museum kann und darf das dann ganz anders verlaufen. Die Information, dass Tausende Frauen weltweit Opfer von Säureanschlägen werden, mag noch halbwegs trocken klingen. Sie zu zeigen, also das „Un/sichtbare“, wie es im Titel heißt, sichtbar zu machen und damit aus dem Abseits zu holen, wird dann schon zur ziemlich heiklen Mission und erfordert Mut und Fingerspitzengefühl.

Beides kommt in der Ausstellung im Völkerkundemuseum zusammen. Ann-Christine Woehrl geht bei aller Drastik der von ihr vorgestellten Fälle so behutsam vor, dass die Bilder sehr berühren und zugleich kein entsetztes Wegschauen provozieren.

Die Münchner Fotografin hat zahlreiche Opfer besucht, oft Tage und Wochen mit ihnen verbracht, mit ihnen gesprochen und sie dabei sensibel porträtiert. „Viele“, erzählt Woehrl, „waren ganz überrascht, dass sich überhaupt jemand für sie interessiert“, und mehr noch: sie anschaut. Erst sei da oft eine große Scham gewesen, gleichzeitig aber auch der wachsende Wille, sich dem Schicksal zu stellen, sich anzunehmen, ein eigenes Leben ohne Almosen zu führen.

Deshalb erstaunt oft das Selbstbewusstsein, mit dem die Frauen hier auftreten, die 22-jährige Makima etwa ballt auf dem Ausstellungsplakat die verbundene Faust. Sie will Polizistin werden, „um für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen“, erklärt sie im Begleitband. Und tatsächlich geht es bei diesem inzwischen weltweiten Phänomen nicht nur um Frauen, die von Männern attackiert werden, sondern oft genug um ein „Frau gegen Frau“. Und viel zu selten werden Täter wie Täterinnen gefasst, vielleicht ein Zehntel überhaupt verurteilt. Aber das kann sich erst ändern, wenn die Welt nicht mehr nur den Blick abwendet.

„UN/SICHTBAR. Frauen überleben Säure“, Freitag, 6. Juni 2014, bis 19. Januar 2015, Bildband (Edition Lammerhuber) 39.80 Euro

 

0 Kommentare