Sabine Lisicki in Wimbledon Bollettieri: "Sabine liebt dieses Theater"

Nick Bollettieri (81) gilt als bester Tennis-Ausbilder der Welt. Er formte unter anderem Agassi, Seles, Haas, Sharapowa und Lisicki. Foto: dpa

Nick Bollettieri ist der berühmteste Tennistrainer der Welt, in seinem Camp lernte auch Lisicki. Hier erklärt der Guru, warum die Deutsche tatsächlich Wimbledon gewinnen kann.

 

AZ: Herr Bollettieri, Sabine Lisicki steht nun schon zum zweiten Mal in ihrer jungen Karriere im Wimbledon-Halbfinale. Überrascht Sie das als ihr ehemaliger Ausbilder?

NICK BOLLETTIERI: Nein, ganz ehrlich, ganz und gar nicht. Sabines Spiel ist wie fürs Rasentennis geschaffen. Der Hammer-Aufschlag. Die wuchtigen Grundschläge, ganz flach übers Netz gehauen, ganz unbequem für die Gegnerinnen. Und dann ihr Selbstbewusstsein hier in Wimbledon, das ist ein Bonus. So, als ob du in jedem Spiel schon mal einen Punkt gewonnen hättest, ohne ihn spielen zu müssen.

Sie kennen Lisicki schon seit vielen Jahren. Was charakterisiert Sie als Mensch und als Tennisspielerin?

Sie ist ein unheimlich lebensfrohes Mädchen, jemand mit einer konsequent positiven Einstellung. Für sie ist das Glas eigentlich immer halbvoll. Was ich an ihr immer bewundert habe, sind diese Konsequenz und Zähigkeit, mit der sie ihre Karriere vorantreibt. Kompromisse macht eine Sabine Lisicki nicht. Sie war schon eine Besonderheit, fiel auf unter all den Schülerinnen in der Akademie.

Warum hat es bisher nicht für den ganz großen Durchbruch gereicht?

Sie hat früh in ihrer Laufbahn schon sehr mit Verletzungen zu kämpfen gehabt, wurde immer zurückgeworfen, wenn sie nahe dran war an den Allerbesten. Auch die letzte Saison war von Pech überschattet, mit einer Bauchmuskelzerrung nach den Olympischen Spielen, die ihr fast das ganze zweite Halbjahr vermasselte. Ich habe aber den Eindruck, dass sie momentan so fit und drahtig ist wie nie zuvor. Und sie spielt, auch dank ihres neuen Trainers, schlauer, setzt ihren Kopf besser ein, schießt nicht auf dem Platz herum wie ein Pistolero.

Lisicki hat schon in Teenagerjahren verkündet, ihr Ziel sei eindeutig Platz eins der Weltrangliste. Das klang recht forsch und übermütig.

Aber man durfte ihr das nicht als Arroganz auslegen. Sie ist einfach jemand, der sich sagt: Um große Ziele zu erreichen, muss ich auch große Ziele formulieren. Ich hätte eher ein Problem damit, wenn jemand mit so einem Talent sagen würde: Wäre schön, mal in die Top 20 zu kommen. Sie ist da durchaus amerikanisch geprägt, verfolgt das Prinzip Think Big.

Viele bewundern die Ungerührtheit, mit der sich Lisicki gegen Superstars wie Williams oder Scharapowa stemmt. Die Qualität, selbst aussichtslose Rückstände aufzuholen.

Sie hat eine Eigenschaft, die ganz große Spieler haben - nämlich den Spielstand fast komplett auszublenden und sich zu sagen: Gewinn einfach den nächsten Punkt, dann den nächsten Punkt – bis zum Sieg. Deshalb gerät sie auch nicht in Panik, wenn sie 2:4 gegen Serena im letzten Satz hinten liegt, oder, wie vor zwei Jahren, in der zweiten Runde Matchbälle gegen Li Na gegen sich hat. Da haut sie Asse und andere Volltreffer raus und dreht das Match um.

Eine gewisse Eitelkeit, sich auf einer großen Bühne wie Wimbledon zu produzieren, kommt bei Lisicki aber auch hinzu – oder?

Na klar, sie ist eine Schauspielerin, die es liebt, in diesem Theater aufzutreten. Aber so musst du gepolt sein, um etwas Großes zu schaffen im Tennis. Die Furchtsamen und Verzagten gewinnen nichts, auch nicht die, die im Scheinwerferlicht zittern. Wenn du die Hitze nicht aushältst, geh raus aus der Küche – so einfach und brutal ist es. Vor allem in Wimbledon, beim wichtigsten und schönsten Turnier des Jahres. Sabine hat eindeutig das Potenzial, um hier zu gewinnen.

Ein Wort noch zu einem anderen ihrer Zöglinge: Tommy Haas, dem Spieler, für den Sie eine Art Vaterfigur in der Tenniskarriere waren. Wie sehen Sie dieses Comeback bis knapp an die Top Ten der Weltrangliste?

Vor diesem Burschen habe ich nichts als Hochachtung. Es gibt keinen, der ihn nicht liebt für das, was er nun mit Mitte 30 noch einmal erreicht hat. Das war die Leistung eines wahren Champions. Auch wenn Tommy vielleicht nie ein Grand Slam-Turnier gewinnen wird, sage ich: Er zählt zu den wirklich Großen des Tennis. Einer, der nie den Mut verloren hat, obwohl er Pech hatte wie kein zweiter Spieler

 

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