"Rosarote Brille" TSV 1860 in Nöten: Grossers Brandbrief

Sorgt sich um den TSV 1860: Peter Grosser. Foto: Rauchensteiner,sampics/Augenklick

Der Meisterkapitän von 1966 wendet sich in der AZ an Team und Trainer. "Die Löwen müssen aufwachen, sich der brisanten Situation bewusst sein! Pereira muss die Mannschaft bei ihrer Ehre packen!"

 

München - 30 Spiele. 33. Punkte. Nur dank des besseren Torverhältnisses, aufgrund sechs kassierter Tore weniger, liegen die Löwen im Klassement der Zweiten Liga nicht auf Relegationsrang 16, sondern vor Erzgebirge Aue noch hauchdünn über dem Strich.

Nach der neuerlichen Niederlage beim 0:1 in Kaiserslautern am Freitagabend, den Punktgewinnen der Konkurrenz und dem damit verbundenen Absturz des TSV 1860 auf Rang 15 kann Meisterlöwe Peter Grosser kaum mehr hinsehen, wie sein Herzensklub immer tiefer in den Abstiegssumpf gerät.

Trainer Vitor Pereira zeigte sich nach der Leistung seiner Mannschaft ratlos, viele Akteure hingegen sprachen sogar Lob aus, obwohl der Ertrag des Gezeigten seit Wochen zu wünschen übrig lässt und der TSV auch gegen Lautern nach dem Eigentor von Christian Gytkjaer einmal mehr mit leeren Händen dastand. Der Einsatz stimmte aber.

Grosser, Kapitän der Meistermannschaft des Jahres 1966, hat längst erkannt, dass mit Schönrednerei im Abstiegskampf nichts zu holen ist. Deshalb schreibt er nun in der AZ einen Brief an die Löwen – in der unerschütterlichen Hoffnung, dass seine Sechzger die Augen nicht vor der Realität verschließen und sich im brutal engen Kampf um den Klassenerhalt noch retten können.

Der Brief im Wortlaut

Liebe Löwen,

vier Spieltage vor Saisonende muss ich mich in großer Sorge an Euch wenden. In großer Sorge vor dem Abstieg. In der ganzen Rückrunde reihen sich Versäumnisse aneinander, die man viel früher hätte erkennen müssen. Dem enormen Aufwand, in der Winterpause Vitor Pereira, ein ganzes Trainerteam und fünf Neuzugänge zu holen, ist die Mannschaft noch in keinem Spiel gerecht geworden. Gut, das 2:0 gegen Nürnberg war für mich ein akzeptabler Auftritt - der einzige in 13 Spielen!

Sämtliche Verantwortlichen haben die rosarote Brille auf, in all diesen Spielen nicht die richtige Analyse getätigt und immer nur das Positive herausgestellt. Wie jetzt in Kaiserslautern. Das Spiel war besser als viele zuvor, aber man muss auch die negativen Punkte klar ansprechen. Defensive? Okay. Aber in der Offensive war das viel zu wenig. Die Torausbeute von nur zwei Toren in sechs Auswärtsspielen zeigt, wo das Problem liegt. Jetzt rächt sich meiner Meinung nach, dass man den im Winter geholten Torjäger Christin Gytkjaer nicht entsprechend aufgebaut hat. Dabei war allen bis dato die brisante Lage nicht klar. Die Aussage vom Präsidenten – "Wir sind zu gut für den Abstieg" – war kontraproduktiv, mit nichts fundiert und ein völlig falsches Signal an die Mannschaft. Auch die großen Aufstiegsträume helfen nicht weiter.

Jeder hat Angst, Kritik anzubringen. Mit Michael Liendl hat endlich mal einer den Mund aufgemacht, als er sagte, man dürfe nicht alles schönreden. Völlig richtig! Die Löwen müssen endlich aufwachen, sich der brisanten Situation bewusst sein! Und dementsprechend gegen Braunschweig auftreten. Pereira muss die Mannschaft jetzt bei ihrer Ehre packen und am Sonntag so einstellen, dass alle von der ersten bis zur letzten Minute den Willen zeigen, Braunschweig niederzukämpfen. Ich bin sicher, dass ihm das gelingt, denn ich glaube, dass er nächstes Jahr nicht nach Lotte, Zwickau und Großaspach fahren will. Auch, wenn Stefan Aigner nur noch Ex-Kapitän ist: Er muss in seiner Rolle als Integrationsfigur als großes Vorbild vorangehen und seine Mannschaftskameraden mitreißen. Nur wenn das gelingt, und mit Hilfe der treuen, frenetischen Anhänger, kann es gegen einen Aufstiegskandidaten wie Braunschweig klappen.

Peter Grosser

Lesen Sie hier: Vor Braunschweig - Pereira sperrt durchgehend zu

 

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