Roman über Weiden „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ von Thomas Klupp

Das Kepler-Gymnasium in Weiden ist eines von acht Gymnasien in Bayern, das zum „Kompetenzzentrum für Begabtenförderung“ ernannt wurde. Hier spielt der Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ von Thomas Klupp. Foto: Wikipedia/btr

Ein oberpfälzischer „Tschick“: Der Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ von Thomas Klupp

Wer ein Kind hat, das die gymnasiale Oberstufe besucht, bekommt bei der Lektüre dieses Romans das Bedürfnis, das vom Nachwuchs bewohnte Zimmer gründlich auf den Kopf zu stellen. Womöglich gibt es auch hier eine „Mensch ärgere dich“-Schachtel, die vor den Eltern verborgene Geheimnisse birgt. Aber dann schreckt man doch zurück, denn aus Thomas Klupps Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ folgt die Einsicht, dass sich am Ende doch alles wieder einrenkt.

Der „Große Gatsby“ ist das unerreichbare Vorbild des Oberstufenschülers Benedikt Jäger. Er lebt im oberpfälzischen Weiden, einer Stadt „so spektakulär wie ein Taubenschiss“. Zentrum der Geschichte ist das von einer ehrgeizigen Direktorin zum Exzellenzstandort für die naturwissenschaftlich-technischen MINT-Fächer getrimmte Kepler-Gymnasium.

Einen Dreier nimmt Benedikt zum Anlass, Schulaufgaben und Zeugnisse mit Photoshop aufzuhübschen. Eingriffe in ein elektronisches Informationsystem für Eltern kommen hinzu, und so verstrickt er sich immer weiter in ein Lügengebäude, das nach und nach aufzufliegen droht.

Eine Familie von Fälschern

Hätte Benedikt die ins Fälschen investierte Zeit und Energie auf das Lernen verwandt, wäre er Klassenbester. Im tiefsten Grunde seines Herzens weiß er das auch. Aber er ist erblich belastet: Sein Vater schönt die Steuererklärung, die perfektionssüchtige Mutter schminkt die Herkunft vom Bauernhof weg und neigt zu gröberen schönheitschirurgischen Eingriffen, wenn sich Ideal und Wirklichkeit nicht bruchlos ineinander fügen.

Klupp inszeniert da ein hübsches Gruselkabinett der besseren Kreise einer Kleinstadt. Die Familienaufstellung wirkt durchaus stimmig. Benedikt hat zwei perfekte Zwillingsschwestern und wächst als Sohn eines workaholischen Arztes mehr oder weniger vaterlos auf. Dessen Aufstieg zum Chef der Unfallchirurgie am Kreiskrankenhaus Weiden brachte vor allem für seine Gattin den ersehnten Karrieresprung von der Depression ins Honoratiorenmilieu.

Benedikts Mutter engagiert sich beim Lions Club. Sie hält sich einen Syrer, der mit anderen weiß behandschuhten Flüchtlingen beim Charity Lunch für Weidens bessere Gesellschaft grillt. Bei allem Willen zur Groteske werden derlei Beobachtungen eher kalt und ohne moralischen Unterton erzählt, wie es der Sichtweise eines in Maßen ausgeflippten Sohnes aus gutem Hause entspricht, der ein bisschen kifft, gern feiert und vorerst erfolglos die erste Liebesnacht herbeisehnt.

Die paar Klischees stören nicht

Aus der näheren und weiteren Umgebung stammende Leser des Buches bestätigen den Eindruck, dass das örtliche Milieu gut einfangen ist. Nicht jedes Motiv des Buchs wird ganz auserzählt. Zwischendurch lähmt zuviel Tennis das Tempo. Hin und wieder schaut das aus Regionalkrimis bekannte Personal um die Ecke. Der sadistische Lehrer Scharnagl alias Sargnagel („Ich unterrichte, ihr eignet euch den Unterrichtsstoff an, ich zensiere“) könnte aus einem Pauker-Film entlaufen sein. Aber seine Krebs-Erkrankung bildete einen Kontrapunkt, und im rasanten Finale des Romans wird deutlich, dass dieser Lehrer im Stehen pinkelt und auch sonst vergleichsweise normal ist.

Wenn Klupp bei kurzen Sätzen das Verben weglässt, erinnert seine lakonische Sprache an die „Brenner“-Krimis von Wolf Haas. Aber Klupp schafft es, das wilde Rauschen in spätpubertierenden Hirnen sprachlich so abzubilden, dass es auch auf Ältere glaubhaft wirkt.

Kurz vor Schluss hat der Ich-Erzähler mit seinen Freunden einen Riesen-Stress. Mitten im höchstens Krimi-Suspense stehen sie plötzlich einer Katze gegenüber, die erst gähnt und sich dann ungerührt die Pfoten leckt. Auch wenn „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ mit Wolfgang Herrndorfs Roman weder das Milieu noch die Reise gemeinsam hat: In solchen Momenten ist Klupps Roman trotz kleiner Schwächen ein oberpfälzischer „Tschick“.

Thomas Klupp: „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ (Berlin-Verlag, 256 S., 20 Euro). Der Autor stellt sein Buch am 23. Oktober um 20 Uhr bei Lehmkuhl und am 24. Oktober um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Kirchheim in Gauting vor
 

 

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