Richard Gutjahr Wir Menschen aus der Zukunft

Richard Gutjahr: Der Blogger schreibt jeden Freitag für die AZ über digitalen Lifestyle - das Leben mit dem Computer. Foto: Petra Schramek

Richard Gutjahr: Der Blogger schreibt für die AZ über digitalen Lifestyle - das Leben mit dem Computer. Heute: Wie präzise vor gut 100 Jahren das spätere iPhone beschrieben wurde.

Seit jeher hat uns Menschen kein Ort mehr fasziniert, als der Blick in die Kristallkugel. Wie werden wir einmal leben in der Zukunft? Werden wir Hunger und Kriege ein für alle mal beenden? Werden unsere Autos endlich fliegen können? Und wann gibt es endlich etwas Vernünftiges im Fernsehen? Die Zukunft. Das letzte, unerforschte Terra Incognita, selbst für digitale Eingeborene ein ewiges Facebook mit sieben Siegeln.

Neulich bin ich beim Schmökern im Internet auf ein paar erstaunliche Texte gestoßen. Sie stammten aus der Zeitschrift „Das neue Jahrhundert“ und waren um die Jahrhundertwende im Jahr 1900 erschienen. Darin wagten sich Gelehrte an Prognosen über die Welt in 100 Jahren, also quasi unsere Gegenwart. Mit einer Detaildichte, die schon verstörend ist, werden darin Verteilungskämpfe um Kohle- und Erdgasvorräte vorhergesagt: „Es war im Jahr 1995. In Hamburg herrscht fieberhafte Aufregung. China hat die Erz- und Kohlenausfuhr gesperrt!“

Über die Kriegstechnologie lesen wir: „Wir sind im Besitze von so gewaltigen Vernichtungskräften, dass jeder von zwei Gegnern geführte Kampf nur Doppelselbstmord wäre.“ Die Pazifistin Bertha von Suttner nahm in ihrem fiktiven Aufsatz, der im Jahr 2009 spielt, vor 100 Jahren bereits den Einsatz von unbemannten Drohnen vorweg, indem man „mit einem Druck auf den Knopf, auf jede beliebige Distanz hin, jede beliebige Menschen- und Häusermasse pulverisieren kann“.

Aber auch Alltagstechnologie wird mit einer ungewöhnlichen Präzision vorhergesagt. So beschrieb Robert Stoss im Jahr 1910 das spätere iPhone. „Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem Empfänger herumgehen, der irgendwo am Hut oder anderswo angebracht und auf eine der Myriaden von Vibrationen eingestellt sein wird, mit der es gerade Verbindung sucht. Solange er die bewohnten und zivilisierten Gegenden nicht verlassen wird, wirde er es nicht nötig haben, auch einen Sendeapparat bei sich zu führen, denn solche Sendestationen wird es auf jeder Straße, in jedem Omnibus, auf jedem Schiffe geben.“

Und auch auf gesellschaftliche Veränderungen gehen unsere Vorfahren ein, wie zum Beispiel die Emanzipation: „Je mehr die Frau auf das Tätigkeitsgebiet des Mannes übergreift, desto rascher wird die Frau dem Manne nachkommen. Heute sollen schon 10 Prozent der Frauen stärkeren Bartwuchs zeigen; dieser Prozentsatz wird sich konsequent steigern und in freilich noch sehr ferner Zukunft wird der Bart nicht mehr Attribut des Mannes sein.“

Letzte Woche beim Eurovision Songcontest war es so weit – da hat es dann auch bei mir endlich Klick gemacht: Conchita Wurst! Und auf einmal wusste ich: Wir haben es geschafft, wir sind endlich angekommen: Wir leben in der Zukunft!

 

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