Richard Gutjahr Facebook schluckt WhatsApp: Silicon Monopoly

Richard Gutjahr: Der Blogger schreibt für die AZ über digitalen Lifestyle - das Leben mit dem Computer. Foto: Petra Schramek

Richard Gutjahr schreibt für die Abendzeitung über digitalen Lifestyle – das Leben mit Computer. Heute: Die Übernahme des Kurznachrichten-Dienstes WhatsApp durch Facebook.

 

Kawumm! War das ein Erdbeben gestern in Kalifornien. Die Schockwellen erschütterten die Tech-Welt von San Francisco bis nach Berlin. Facebook übernimmt den SMS-Dienst WhatsApp! Kaufpreis: 19 Milliarden US-Dollar. Sie haben richtig gelesen: Milliarden. Branchenkenner reiben sich noch immer die Augen, fragen sich, ob bei der Eilmeldung nicht irgendwo ein Komma verrutscht ist. 19 Milliarden Dollar – das entspricht dem Bruttosozialprodukt ganzer Länder.

Noch vor Kurzem war Jan Koum, einer der beiden WhatsApp-Gründer, zu Gast bei der DLD-Konferenz in München. Auf die Frage, ob er einen „Exit“ suche – seine Firma also an einen großen Player abtreten wolle, antwortete er gelassen: „Wir wollen nicht verkaufen.“ Das war vor vier Wochen. Jetzt ist der 37-jährige Koum, der im Alter von 16 Jahren aus der Ukraine in die USA emigrierte, Multi-Milliardär.

Die ersten Reaktionen bei Twitter, als die Bombe platzte: eine Mischung aus WTF („What the fuck!“) und CUDOS (von „Kudos“ mit „C“ wie „cool“, etwa „Glückwunsch, Respekt!“). Ein Scherzbold twitterte: „Facebook kauft WhatsApp – Gabriel und Oppermann waren angeblich schon im September informiert.“ Ein anderer feixte: „Wie doof die von Facebook sind. Im App-Store gibt’s WhatsApp doch umsonst.“

Ein Soziales Netzwerk übernimmt einen Konkurrenten. Schon wieder. Vor einem Jahr hat sich Facebook die beliebte Foto-App Instagram einverleibt, Google hat wenig später den israelischen Navigationsdienst Waze geschluckt – der Kaufpreis jeweils: eine Milliarde Dollar. Die Übernahme von WhatsApp in Höhe von 19 Milliarden Dollar setzt völlig neue Maßstäbe. Kritiker sagen: keine guten. Erinnerungen an die Dotcom-Blase werden wach, die mit ihren irrwitzigen Börsenträumen unzählige Kleinanleger um ihr Erspartes brachte. Zum anderen ist zu befürchten, dass WhatsApp (450 Millionen Nutzer, davon 30 Millionen allein in Deutschland) unter Facebook leiden wird. Der Charme von WhatsApp bestand nicht zuletzt auch darin, dass dieser Service NICHT vom omnipräsenten Facebook stammt.

Welches Ziel Facebook mit diesem Schritt verfolgt, ist klar: Das Netzwerk in seiner heutigen Form stößt an seine Grenzen, muss neue Dienste anbieten, neue Zielgruppen erschließen. Durch den Kauf von WhatsApp erreicht Facebook zugleich noch etwas anderes: die Eliminierung eines Konkurrenten, bevor dieser zu groß wird. Auch für ein Freunde-Netzwerk gilt die Regel: Halte dir deine Freunde nahe, deine Feinde noch näher.

Was die Übernahme für uns bedeutet? Noch mehr unserer Daten in der Hand eines Konzerns, der dafür bekannt ist, den Datenschutz seiner Nutzer mit Füßen zu treten. Auch die NSA wird sich freuen, braucht sie in Zukunft nur noch eine einzige Schnittstelle anzuzapfen, um unsere Nachrichten, Gesprächspartner und Aufenthaltsorte rund um die Uhr erfassen zu können.

Kein Wunder, dass im Web bereits die Suche nach Alternativen zu WhatsApp begonnen hat. Seit gestern Spitzenreiter der Download-Charts in den App-Stores: Threema, ein Kurznachrichtendienst aus der Schweiz, der seinen Nutzern bestmöglichsten Datenschutz verspricht. Kosten: 1,79. Nicht Milliarden. 1,79 Euro.

 

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