Richard Gutjahr Das Schweigen der Lämmer

Richard Gutjahr: Der Blogger schreibt jeden Freitag für die AZ über digitalen Lifestyle - das Leben mit dem Computer. Foto: Petra Schramek

Mit der Kontrolle von Telefonen, Mails und dem Verwanzen von Botschafen verraten die Amerikaner ihre eigenen Ideale

 

Stell Dir vor es ist Krieg, ein Krieg gegen uns Bürger, und keine Sau interessiert's. Kein Tag ohne neue Enthüllungen, für die vor nicht allzu langer Zeit die verantwortlichen Machthaber von ihrem eigenen Volk zum Teufel gejagt oder gar gelyncht worden wären. Und heute? Allgemeines Schulterzucken und Schweigen.

Gestern war Independence Day, Amerikas wichtigster Feiertag des Jahres. An diesem Tag feiern die Amerikaner die Gründung ihres Staates und ihre Verfassung, die jedem Individuum Schutz vor staatlicher Repression garantiert. Artikel 4 der Verfassung sieht vor, dass weder Häuser noch Dokumente ohne besonderen Anlass durchsucht werden dürfen. Eine Errungenschaft, für die hunderttausend Menschen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ihr Leben ließen.

Der Fall Snowden ist kein Skandal, der irgendwo im fernen Amerika spielt. Er betrifft uns alle, gerade hier und heute in Deutschland. 500 Millionen Daten fischen die US-Geheimdienste Monat für Monat bei uns ab. Eine Erkenntnis, die wir nicht etwa unserem Bundesnachrichtendienst, dem Innenministerium oder der sog. vierten Gewalt im Lande, der Presse, zu verdanken haben, sondern einem einzigen mutigen Mann: Edward Snowden.

Ein Mann, den unser Bundespräsident letzte Woche als Verräter bezeichnete. Ausgerechnet Joachim Gauck, der frühere Leiter der Stasi-Untersuchungsbehörde! Wenn Menschen zu Tode hungern, um bei uns in Deutschland Asyl zu bekommen, dauert es 14 Tage, um die Anträge zu bearbeiten – im "Schnellverfahren" wie es hieß. Bei Snowden sind vom Eingang seines Asylgesuches bis zur Ablehnung durch die Bundesregierung keine zwei Stunden vergangen.

Die Telefone von Abermillionen unbescholtener Bürger werden überwacht, sämtliche E-Mails abgefangen, Botschaften und EU-Büros verwanzt, Präsidentenflugzeuge gestoppt. Die ganze Welt ist verrückt geworden, twittert die argentinische Staatspräsidentin Kirchner und irgendwie hat man das Gefühl, das ist die Untertreibung des Jahres.

 

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