Richard Gutjahr Das Geheimnis der Nerd-Brille

Richard Gutjahr: Der Blogger schreibt jeden Freitag für die AZ über digitalen Lifestyle - das Leben mit dem Computer. Foto: Petra Schramek

Richard Gutjahr schreibt für die Abendzeitung über digitalen Lifestyle – das Leben mit Computer. Diesmal: Die Nerd-Brille und wieso sie plötzlich cool ist.

 

Brillenträger. Was haben wir sie noch verspottet, damals in der Schule. Spätestens seitdem reihenweise Computer-Nerds im Silicon Valley zu Multimillionären aufgestiegen sind, sind diese gesellschaftlich nicht nur rehabilitiert; Brillenschlangen gelten heute als das neue Sexy.

Ob Norbert Röttgen, Alexander Dobrindt oder Christian Wulff, viele Polit-Promis wittern ihre Chance. Statt sich länger hinter konturlosen Kassenbrillen zu verstecken, heißt es heute Angriff nach vorn: Nerd-Brille auf, die eigene Unzulänglichkeit offen zur Schau tragen, Minderwertigkeitsgefühle in Stärke umwandeln.

Und was soll ich Ihnen sagen – die Rechnung scheint aufzugehen! Beispiel Guido „das-ist-Deutschland-hier“ Westerwelle: Vor Jahren noch, als ein britischer Journalist den damals frisch gebackenen Außenminister bei einer Pressekonferenz bat, auf Englisch zu antworten, weigerte sich Westerwelle beharrlich. Offenbar fürchtete Guido, sich mit seinem Schul-Englisch auf internationalem Parkett zu blamieren. Heute, wo er eine fette, schwarzumrandete Brille trägt, gibt Westerwelle TV-Sendern wie CNN Interviews in nahezu perfektem Englisch. From zero to hero – fast ist es so, als verleihe ihm die neue Brille Superkräfte!

Seinem Nachfolger im Amt, Frank-Walter Steinmeier, scheint diese Transformation nicht verborgen geblieben zu sein. Flux tauschte auch er seine Draht-Brille gegen das Nerd-Modell. Es würde mich nicht wundern, wenn Steini bei seiner nächsten Moskau-Reise fließend russisch parliert und Putin unter den Tisch trinkt.

Was aber hat es mit diesen Nerd-Brillen auf sich? Reine Psychologie? Eine optische Täuschung? Seit letzter Woche sehe ich klarer. Ein großer Technologiekonzern hat mich zur Präsentation seiner neuesten Entwicklung eingeladen: eine Smart-Brille. Mit ihrem dicken Rahmen gleicht sie rein äußerlich den ach-so-hippen Polit-Modellen. Das Geheimnis aber liegt in den Gläsern: Auf die Glasoberfläche wird halbdurchlässig ein Computerbildschirm projiziert, der mit dem Internet verbunden ist.

Ob unsere Politiker heimlich schummeln, und ihre geschliffenen Worte in Wahrheit ablesen? Lange wird es nicht mehr dauern, dann werden wir alle mit solchen Gläsern herumlaufen. Dann werden diejenigen Menschen als schlau gelten, die ohne Brille auskommen. Nicht, weil die so gebildet sind und sich alles auswendig merken können. Wirklich smarte Menschen tragen dann Kontaktlinsen, die einem die gewünschten Informationen direkt auf die Netzhaut projizieren. Es heißt, Google arbeite schon daran.

 

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