Richard Gutjahr Das Bahnsteig-Mysterium

Richard Gutjahr: Der Blogger schreibt für die AZ über digitalen Lifestyle - das Leben mit dem Computer. Foto: Petra Schramek

Richard Gutjahr schreibt für die Abendzeitung über digitalen Lifestyle – das Leben mit Computer. Heute: Paradiesvögel, die an Bahnsteigen nicht auf ihr Smartphone starren.

 

Ein Foto verbreitet sich aktuell wie ein Lauffeuer im Internet und stellt die Netzwelt vor ein Rätsel. Eine Gruppe Pendler steht am Bahnsteig. Die Leute tun das, was man so tut, während man auf den Zug wartet – sie starren auf ihr Smartphone. Doch halt! Was ist das? Ein Mann in weißem Hemd hält seine Arme verschränkt und starrt ins Leere. Einfach so! Kein Smartphone. Kein Bildschirm. Keine Datenbrille. Er schaut in die Welt. Die wahrhaftige, von Google und Facebook ungefilterte Welt! Was ist da los? Wer ist dieser Typ? Was motiviert ihn?

Entstanden ist dieses Zeitdokument am 6. Februar an einem Bahnsteig in einem Vorort von Sydney, Australien. Das Foto stammt von Cameron Power, der von sich behauptet, er sei eher zufällig Zeuge dieser unwirklichen Szenerie gewesen. Ohne nachzudenken habe er instinktiv auf den Auslöser seines Smartphones gedrückt und den Moment für die Nachwelt festgehalten. „Was in der Welt ist nur los mit diesem Kerl!“, twittert er im Begleittext zu seinem Werk. „Was sieht er sich nur an? – Die Welt?“.

Experten zweifeln inzwischen an der Echtheit der Aufnahme. In der heutigen Zeit sei es nahezu unmöglich, überhaupt noch einen Menschen anzutreffen, der NICHT gerade auf irgendeinen Bildschirm starrt. Als ob es irgendeinen Grund gebe, der realen Welt Beachtung zu schenken! Renommierte Fotoshop-Retusche-Künstler, die sich u.a. für ihre Wahlplakate von Angela Merkel international einen Namen gemacht haben, sind sich einig: „Wenn hier ein Fälscher am Werk war, dann muss das ein Profi gewesen sein.“

Dank knallharter, investigativer Recherche (= googlen) ist es mir gelungen, den Paparazzo im Netz ausfindig zu machen. Cameron, 30, aus Sydney schreibt mir, er habe den handylosen Kerl auf dem Bahnsteig erst im Nachhinein entdeckt, als er sich das Foto später angesehen habe. Dass sein Bild via Twitter und Facebook um die Welt gegangen ist, habe ihn total überrascht: „Viele Betrachter erkennen sich in dem Bild wohl selbst. Nicht als die Person, die einfach nur so vor sich hin starrt, sondern als einer dieser seelenlosen Handy-Zombies.“ Komisch und irgendwie deprimierend zugleich.

 

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